Ich möchte zwölf handgeschriebene Briefe verschicken. An zwölf Menschen, denen ich etwas sagen möchte, das zwischen zwei WhatsApp-Nachrichten und einem Daumen-hoch-Emoji nicht besonders geil wäre.

Es werden keine großen Liebeserklärungen werden. Vielleicht wird es einfach ein ehrliches Danke. Eine Erinnerung, die nur zwei Menschen verstehen. Eine Entschuldigung, die längst überfällig ist. Ein „Cool, dass es dich gibt“. Oder ein paar Sätze darüber, warum jemand an einer bestimmten Stelle meines Lebens wichtig war, obwohl ich das damals vielleicht nie gesagt habe. Jeder Brief wird mit der Hand geschrieben. Nicht am Computer und anschließend mit einem Kugelschreiber unterschrieben, damit es irgendwie persönlicher aussieht. Nee. Nee. Richtig von Hand. Mit durchgestrichenen Wörtern, schiefen Zeilen und einer Handschrift, die spätestens ab der zweiten Seite leichte Ermüdungserscheinungen zeigt. Vielleicht sollte ich an Apothekerinnen und Apotheker schreiben. Ich kenne nur keine zwölf.

Dann kommt der Brief in einen Umschlag. Eine Briefmarke drauf. Adresse vorne. Absender hinten. Das ganze traditionelle Programm. Anschließend wird er tatsächlich verschickt. Nicht fotografiert und vorsichtshalber schon einmal per Nachricht angekündigt. Nicht mit den Worten: „Da kommt demnächst noch etwas von mir.“ Und vor allem nicht drei Wochen auf irgendeiner Ablage liegen gelassen, weil der letzte Satz noch nicht vollkommen klingt.

Der letzte Satz muss nicht vollkommen sein. Er muss nur ehrlich sein.

Zwölf Menschen. Zwölf Briefe. Einer pro Monat.

Nicht irgendwann im Laufe des Jahres. Jeden Monat einer.

Das ist schon irgendwie ein beschissenes Gefühl. Man wohnt irgendwo, hat ein Bett, keinen Schrank, aber einen Platz für die Zahnbürste. Nach außen betrachtet ist damit eigentlich erstmal alles geregelt. Der Mensch braucht erstaunlich wenig, um offiziell als untergebracht zu gelten. Innerlich sieht das etwas anders aus.

Ich möchte wieder einen eigenen Ort haben.

Keine vorübergehende Unterkunft. Kein Zimmer, in dem meine Sachen dort stehen, wo gerade noch Platz ist. Keinen Ort, an dem ich schon beim Einräumen weiß, dass ich irgendwann alles wieder zusammenpacken muss. Nee. Ich möchte morgens aufwachen und nicht das Gefühl haben, nur vorübergehend im Leben eines anderen zu wohnen. Ich möchte einen Schlüssel in der Tasche haben, der nicht nur irgendeine Tür öffnet, sondern zu meinem Leben gehört.

Das muss ja kein großes Haus sein. Vergiss es. Wahrscheinlich brauche ich nicht einmal besonders viel Platz. Einen Schreibtisch, an dem ich schreiben kann. Regale für ein paar Bücher. Einen Platz für Kameras, Bilder und all den Kram, der sich über die Jahre ansammelt und den man nicht wegwirft, weil er irgendwann einmal wichtig war. Oder weil man seit zwölf Jahren behauptet, dass man ihn bestimmt noch gebrauchen kann. Es soll nicht perfekt sein. Nicht fertig eingerichtet. Und schon gar nicht so aussehen, als hätte ein Möbelhaus beschlossen, dort einen Themenbereich namens „Männlicher Neuanfang“ aufzubauen.

Es soll sich einfach nach mir anfühlen. BÄÄM.

Ein Ort, an dem die Menschen, die mir lieb sind, jederzeit willkommen sind. An dem Menschen am Tisch sitzen und Kaffee trinken können. An dem ich die Tür schließen kann, ohne mich von der Welt ausgeschlossen zu fühlen. Ein Zuhause ist vielleicht genau das: ein Ort, an dem man bleiben darf, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Ich möchte wieder irgendwo ankommen, ohne schon beim Aufschließen über den nächsten Abschied nachzudenken.

Aus der Reise mit dem Van bis ans Nordkapp soll ein Fotobildband entstehen. Keine einfache Onlinegalerie. Kein Ordner voller schöner Bilder, der irgendwann auf meiner Festplatte vergammelt, bis irgendeine Software fragt, ob sie Speicherplatz freiräumen soll. Nee. Ich möchte ein echtes Buch. Gedruckt. Gestaltet. Reduziert. Mit eigenen Fotos und kurzen Texten. Eines, das man kaufen oder vorbestellen kann. Und der Bildband soll nicht einfach nur zeigen: „Guck mal, ich war am Nordkapp. Schön für mich. Hat ja sonst keiner geschafft, außer ungefähr halb Europa mit Wohnmobil und Thermoskanne.“ Er soll schon vom Unterwegssein erzählen. Von Straßen, Rastplätzen, Tankstellen, Fähren, Schlafplätzen, Regen auf der Frontscheibe, Kaffee am Morgen, leeren Orten, weitem Himmel und diesen Augenblicken, in denen eine Reise mehr ist als nur Kilometer fressen und irgendwann an einem Schild stehen.

Es geht um das, was unterwegs passiert. Um den Alltag. Um die Veränderung der Landschaft. Um schlechtes Wetter, lange Etappen, kleine Pausen und das Gefühl, immer weiter nach oben zu fahren, obwohl einen niemand darum gebeten hat. Und am Ende soll daraus ein fertiger Fotobildband werden. Kein perfektes Vanlife-Märchen mit Lichterkette, Holzbrettchen und bedeutungsschwerem Blick in die Ferne. Sondern ein ehrliches Buch über eine Reise nach Norden.

Zwei Nächte im Bauwagen. Im Oktober. Mitten im Lüerwald. Der Bauwagen steht direkt am Parkplatz. Sondern tief genug im Wald, damit es sich anders anfühlt. Nah genug, damit ich nicht so tun muss, als würde ich eine Expedition starten. Ich will dort zwei Nächte verbringen. Im Herbst. Wenn der Sommer längst beleidigt abgezogen ist und der Wald langsam so aussieht, als hätte jemand die Sättigung hochgedreht und gleichzeitig die Heizung ausgemacht. Draußen Laub, Matsch, feuchte Luft, dieses Knacken im Dunkeln, bei dem der vernünftige Teil im Kopf sagt: „War bestimmt nur ein Ast.“ Und der andere Teil sofort einen Mörder daraus macht.

Der Bauwagen hat eine kleine Terrasse und einen Holzofen. Mehr brauche ich dann auch nicht. Ein Dach über dem Kopf. Wärme, die man selbst anfeuern muss. Kaffee am Morgen. Vielleicht Regen auf dem Dach. Vielleicht Nebel zwischen den Bäumen. Ich will nicht dorthin, weil ich Wellness brauche. Wellness ist oft nur Langeweile mit Bademantel. Ich will raus aus dem normalen Ablauf. Raus aus Lichtschaltern, Kühlschrankgeräuschen, Handgriffen, die jeden Tag gleich sind. Zwei Nächte im Wald. Zwei Nächte weniger Komfort. Zwei Nächte mehr echtes Gefühl. Ohne W-Lan.

Und wenn ich abends im Bauwagen sitze, der Ofen knackt, draußen der Oktober herumliegt und ich mich frage, warum ich mir sowas freiwillig ausgedacht habe, dann ist das vermutlich genau der richtige Moment. Nicht irgendwann. Im Oktober. Dieses Jahr.

Ich möchte allein auf ein Festival gehen. Ohne Gruppe. Ohne Zelt. Ohne Alkohol. Ohne diesen Sicherheitszaun aus Menschen, Planung und „irgendwer wird schon wissen, wo wir pennen“. Mein letztes Festival war 2013. Wacken Open Air. Große Gruppe, viel Alkohol, wenig Erinnerung an Details, aber geil war es. Alles war laut, matschig oder staubig, betrunken und irgendwie einfach. Man war Teil einer bekloppten Horde. Und wenn ich nicht mehr wusste, wo ich war, wusste es wenigstens jemand anders auch nicht. Das reichte. Moin Ralf.

Diesmal will ich aber das Gegenteil machen. Ich will früh anreisen, allein unterwegs sein, nüchtern bleiben und kein Zelt, keine Unterkunft, keinen komfortablen Rückzugsort einplanen. Nicht, weil ich leiden will. Leiden kann man auch günstiger haben, zum Beispiel beim Online-Banking. Ich will wissen, wie es ist, komplett auf mich gestellt zu sein. Zwischen Musik, Menschen, Lärm, Müdigkeit, Regen, Pommesgeruch und diesem seltsamen Festivalzustand, in dem Erwachsene plötzlich irgendwie wieder bescheuert sind. Positiv gemeint.

Und ich will nicht nur vor der Bühne stehen und mir anschauen, was alle sehen. Ich möchte auch hinter die Kulissen gucken. Dorthin, wo ein Festival wirklich entsteht. Wo aufgebaut, organisiert, improvisiert, geflucht, gerettet und wahrscheinlich viel zu wenig geschlafen wird. Ich will sehen, wer dafür sorgt, dass aus einer Wiese für ein paar Tage eine eigene kleine Welt wird. Das wird vermutlich der schwierigere Teil. Denn allein auf ein Festival zu gehen ist ja einfach. Pillepalle. Aber irgendwo reinzukommen, wo man nicht einfach mit einem Ticket durchgewunken wird, ist nochmal ne andere Baustelle. Da reicht kein guter Wille und auch kein romantischer „Ich folge meinem Traum“-Blick. Da braucht es Kontakte, Mut, gute Fragen und wahrscheinlich ein paar unangenehme Momente, in denen jemand sehr höflich sagt: „Nein.“

Natürlich nehme ich Geld mit. Ich bin ja nicht komplett dämlich. Nur ambitioniert bekloppt. Es geht nicht darum, mich in Gefahr zu bringen. Es geht darum, nicht alles vorher mit einem verschissenen Weichspüler zu waschen. Kein perfekter Plan. Keine Gruppe, hinter der ich mich verstecken kann. Kein Zelt, in das ich mich verkrieche. Nur ich, mein Rucksack, ein Festivalgelände und die Frage, ob ich das wirklich durchziehe.

Allein ankommen. Allein klarkommen. Allein morgens irgendwo stehen, müde, nüchtern, vermutlich leicht verwahrlost, aber mit dem Gefühl: Ich bin noch da. Ich habe es gemacht. Vielleicht wird es großartig. Vielleicht wird es furchtbar. Wahrscheinlich beides. Genau deshalb gehört es auf diese Liste. Vorschlage für ein Festival gerne über Instagram: www.instagram.com/nichtirgendwann – Danke

Ein eigener Van. Von Deutschland bis ans Nordkap. Natürlich klingt das erstmal wie die Midlife-Crisis eines Mannes, der zu lange YouTube-Videos über Menschen in Bullis geguckt hat. Aber genau darum geht es ja irgendwie. Ich will gar nicht in so einem geleckten Instagram-Camper sitzen, wo jedes Holzbrett aussieht, als hätte es einen eigenen Achtsamkeitsberater. Ich will einen Van, der nach Kaffee, nassen Jacken, Kameraakkus, Landkarte, Tankstellenbrötchen und leichtem (eher großem) Kontrollverlust riecht.

Dann los. Deutschland raus. Dänemark hoch. Schweden, Finnland, Norwegen, irgendwie da lang, wo es kälter wird und die Menschen weniger reden. Perfekt also. Ich will morgens irgendwo aufwachen, die Tür aufmachen und erstmal nicht wissen, ob das gerade Freiheit ist oder einfach nur verdammt unbequem. Wahrscheinlich beides. Auch gut.

Ich will an Orten anhalten, die niemand googelt. Auf Parkplätzen schlafen, die mehr Charakter haben als die meisten Innenstädte. Kaffee trinken, während draußen der Wind so tut, als hätte er persönlich ein Problem mit mir. Ich will fluchen, mich verfahren, falsch einkaufen, kalte Füße haben.

Und dann stehe ich dann am Nordkap. Einfach als Typ, der losgefahren ist. Ein eigener Van. Eine scheißlange Strecke. Kaffee in der Hand. Wind in der Fresse. Und dieser eine Gedanke: Ich hab nicht nur gelabert. Ich bin wirklich gefahren