Ich sitze ziemlich oft vor meinem Macbook. Kaffee links. Musik irgendwo zwischen zu laut und vollkommen richtig. Auf dem Bildschirm ein Satz, von dem ich vor zehn Minuten noch überzeugt war, dass er ziemlich gut ist. Jetzt finde ich ihn scheiße. Also löschen. Neu schreiben. Wieder löschen. Ein anderes Wort. Komma weg. Komma wieder hin. Manchmal bin ich mir ziemlich sicher, dass Autoren oder Schriftsteller vor allem Menschen sind, die beruflich Sätze verschieben und dabei so tun, als hätten sie einen Plan. Naja. Irgendwann steht dann halt der Text.
Oder zumindest die Version, bei der ich keine Lust mehr habe, noch länger darauf herumzukauen. Dann drücke ich auf „Veröffentlichen“. Bums. Draußen.
Und das Schöne daran ist, ich kann anschließend einfach den Laptop zuklappen. Sehr geil. Denn natürlich lesen dann Menschen diese Texte. Fremde Menschen auch. Manche schreiben mir dann sogar. Aber zwischen ihnen und mir bleibt immer so ein Bildschirmding. Ein ziemlich praktisches Stück Glas. Für mich.
Damit soll Schluss sein. Zumindest einmal. Ich möchte einen meiner eigenen Texte vor fremden Menschen vorlesen. Laut. Mit meiner Stimme. Auf einer Bühne. Keine Ahnung, was das am Ende genau sein wird. Eine Lesung. Ein Poetry-Abend. Eine offene Bühne. Irgendein kleiner Saal mit schlechten Stühlen, einem Mikrofon und Menschen, die freiwillig dort sitzen. Wobei freiwillig natürlich schon irgendwie wichtig ist.
Ich möchte niemanden bei einer Familienfeier in der Küche einschließen und sagen: „So. Jetzt hört ihr euch erstmal zwölf Minuten meinen Text an, ihr Spackos.“
Das zählt nicht. Auch Freunde zählen nicht. Freunde bzw. Bekannte sind nämlich gefährlich schlechte Testpersonen. Du kannst vorne drei Seiten aus einer Bedienungsanleitung für einen Geschirrspüler vorlesen und irgendeiner sagt hinterher trotzdem: „War echt schön.“
Nein. Ich möchte da vorne stehen und in Gesichter schauen, die mich nicht kennen. Menschen, die keine Geschichte mit mir haben. Die nicht wissen, was vorher war. Die nicht wissen, was danach kam. Die nur das bekommen, was ich in diesem Moment erzähle.
Das finde ich ziemlich großartig. Und ein bisschen beschissen. Denn Schreiben ist eine merkwürdig geschützte Art, meine vielleicht sogar sehr persönlichen Dinge zu erzählen.
Ich kann über Angst schreiben. Über Liebe. Über Abschiede. Über Menschen, die plötzlich wichtig werden. Über beschissene Tage. Über ziemlich geile Tage. Ich kann einen Satz zehnmal ändern, bis er genau so klingt, wie ich ihn haben möchte.
Beim Vorlesen funktioniert das nicht. Wenn der Satz raus ist, ist er raus. Keine Löschtaste. Kein Bearbeiten.
Kein: „Moment, den Absatz mache ich nochmal etwas eleganter.“
Nichts da. Da steht dann nur ein Typ Mitte vierzig vor einem Mikrofon und muss mit dem leben, was aus seinem Mund kommt. Klingt eigentlich wie mein normales Leben.
Nur mit Publikum. Ich weiß noch nicht, welchen Text ich nehmen werde.
Vielleicht einen lustigen. Vielleicht einen über irgendeinen vollkommen absurden Nachmittag, bei dem am Ende wieder niemand genau weiß, warum er eigentlich so wichtig geworden ist. Vielleicht einen persönlichen. Einen, bei dem es kurz still wird. Vielleicht genau einen von denen, bei denen ich irgendwann beim Proben merke:
Scheiße. Den kann ich doch nicht vor fremden Menschen lesen. Und wahrscheinlich ist genau das dann der richtige. Denn natürlich geht es bei diesem Ziel ums Vorlesen.
Aber eben nicht nur. Es geht darum, mich nicht hinter dem fertigen Text zu verstecken. Nicht hinter Instagram. Nicht hinter einer Website. Nicht hinter einem Buch. Sondern meine eigenen Worte selbst in einen Raum zu tragen. Mit allem, was dazugehört. Nervosität. Trockener Mund. Wahrscheinlich zu schnelles Reden. Vielleicht irgendein Mensch in der ersten Reihe, der genau in dem Moment anfängt zu husten, wenn ich meinen besten Satz vorlese.
Das Leben verfügt schließlich über ein ausgezeichnetes Timing für solchen Quatsch.
Und trotzdem will ich das. Ich möchte irgendwann irgendwo hinter einer Bühne stehen. Den Text in der Hand. Vielleicht einen Kaffee daneben. Vielleicht Musik aus irgendeinem Nebenraum. Und dann sagt jemand meinen Namen.
Ich gehe nach vorne. Stelle mich ans Mikrofon. Schaue kurz in diesen Raum voller Menschen, die keine Ahnung haben, was jetzt kommt. Und dann lese ich den ersten Satz. Nicht irgendwann natürlich. Das wäre ja albern.