Nicht vor der Bühne stehen, sondern dahinter. Nicht nur das Konzert erleben, sondern den ganzen verdammten Tag, der dazugehört. Ich will mit einer Band auf Tour gehen. Einen Tag Früh morgens ins Fahrzeug steigen, zwischen vermutlich ziemlich müden Musikern sitzen. Kilometer fressen, an irgendwelchen Raststätten halten, beim Aufbau dabei sein, den Soundcheck erleben und abends sehen, wie aus ein paar Menschen auf einer Bühne plötzlich eine verdammt laute Angelegenheit wird.

Und ich will meine Kamera mitnehmen.

Keine Hochglanzscheiße. Keine gestellten Bilder mit bedeutungsschweren Blicken. Ich will das festhalten, was normalerweise keiner sieht. Die kleinen Momente zwischen den großen. Die Müdigkeit, den Blödsinn, die Anspannung, das Chaos. Und vielleicht diesen einen Augenblick, in dem einfach alles stimmt. Eine Fotoreportage über einen Tag unterwegs mit einer Band.

Vom ersten Kaffee bis zum letzten zusammengewickelten Kabel. Und wenn ich am Ende völlig übermüdet irgendwo aus einem Konzertsaal falle, mit vollen Speicherkarten und einem verdammt breiten Grinsen im Gesicht, dann hat sich die Sache gelohnt.

Einfach mal eine Nacht auf einem Hausboot oder ähnliches verbringen. An einem schönen Sommerabend. Mit Wein, vielleicht ein paar Leuten, gutem Essen und dem wolligen Gefühl der Wellen beim Schlaf. Keine Ahnung.

Abends in einen Zug steigen, während andere längst auf dem Sofa liegen. Kopfhörer rein, Musik an und die Welt draußen vorbeiziehen lassen. Irgendwann einschlafen und morgens in einer Stadt aufwachen, in der ich noch nie gewesen bin. Kein vertrauter Bahnhof, keine bekannten Straßen. Einfach aussteigen und schauen, was der verdammte Tag zu bieten hat.

Ich wollte einen Songtext schreiben. Einen besonderen. Einen, der nicht einfach nur aus ein paar gereimten Zeilen besteht, sondern tatsächlich etwas erzählt. Den Gedanken hatte ich schon lange. Allerdings wollte ich auch, dass daraus irgendwann ein richtiger Song wird. Mit Gitarren, Schlagzeug, einer Stimme und allem, was dazugehört.

Der einzige Haken ist, ich bin ungefähr so musikalisch wie ein Kreisverkehrsschild. Ich kann weder ein Instrument spielen noch Noten lesen. Aber Texte schreiben. Das kann ich.

Ich sitze ziemlich oft vor meinem Macbook. Kaffee links. Musik irgendwo zwischen zu laut und vollkommen richtig. Auf dem Bildschirm ein Satz, von dem ich vor zehn Minuten noch überzeugt war, dass er ziemlich gut ist. Jetzt finde ich ihn scheiße. Also löschen. Neu schreiben. Wieder löschen. Ein anderes Wort. Komma weg. Komma wieder hin. Manchmal bin ich mir ziemlich sicher, dass Autoren oder Schriftsteller vor allem Menschen sind, die beruflich Sätze verschieben und dabei so tun, als hätten sie einen Plan. Naja. Irgendwann steht dann halt der Text.

Oder zumindest die Version, bei der ich keine Lust mehr habe, noch länger darauf herumzukauen. Dann drücke ich auf „Veröffentlichen“. Bums. Draußen.

Und das Schöne daran ist, ich kann anschließend einfach den Laptop zuklappen. Sehr geil. Denn natürlich lesen dann Menschen diese Texte. Fremde Menschen auch. Manche schreiben mir dann sogar.  Aber zwischen ihnen und mir bleibt immer so ein Bildschirmding. Ein ziemlich praktisches Stück Glas. Für mich.

Damit soll Schluss sein. Zumindest einmal. Ich möchte einen meiner eigenen Texte vor fremden Menschen vorlesen. Laut. Mit meiner Stimme. Auf einer Bühne. Keine Ahnung, was das am Ende genau sein wird. Eine Lesung. Ein Poetry-Abend. Eine offene Bühne. Irgendein kleiner Saal mit schlechten Stühlen, einem Mikrofon und Menschen, die freiwillig dort sitzen. Wobei freiwillig natürlich schon irgendwie wichtig ist.

Ich möchte niemanden bei einer Familienfeier in der Küche einschließen und sagen: „So. Jetzt hört ihr euch erstmal zwölf Minuten meinen Text an, ihr Spackos.“

Das zählt nicht. Auch Freunde zählen nicht. Freunde bzw. Bekannte sind nämlich gefährlich schlechte Testpersonen. Du kannst vorne drei Seiten aus einer Bedienungsanleitung für einen Geschirrspüler vorlesen und irgendeiner sagt hinterher trotzdem: „War echt schön.“

Nein. Ich möchte da vorne stehen und in Gesichter schauen, die mich nicht kennen. Menschen, die keine Geschichte mit mir haben. Die nicht wissen, was vorher war. Die nicht wissen, was danach kam. Die nur das bekommen, was ich in diesem Moment erzähle.

Das finde ich ziemlich großartig. Und ein bisschen beschissen. Denn Schreiben ist eine merkwürdig geschützte Art, meine vielleicht sogar sehr persönlichen Dinge zu erzählen.

Ich kann über Angst schreiben. Über Liebe. Über Abschiede. Über Menschen, die plötzlich wichtig werden. Über beschissene Tage. Über ziemlich geile Tage. Ich kann einen Satz zehnmal ändern, bis er genau so klingt, wie ich ihn haben möchte.

Beim Vorlesen funktioniert das nicht. Wenn der Satz raus ist, ist er raus. Keine Löschtaste. Kein Bearbeiten.

Kein: „Moment, den Absatz mache ich nochmal etwas eleganter.“

Nichts da. Da steht dann nur ein Typ Mitte vierzig vor einem Mikrofon und muss mit dem leben, was aus seinem Mund kommt. Klingt eigentlich wie mein normales Leben.

Nur mit Publikum. Ich weiß noch nicht, welchen Text ich nehmen werde.

Vielleicht einen lustigen. Vielleicht einen über irgendeinen vollkommen absurden Nachmittag, bei dem am Ende wieder niemand genau weiß, warum er eigentlich so wichtig geworden ist. Vielleicht einen persönlichen. Einen, bei dem es kurz still wird. Vielleicht genau einen von denen, bei denen ich irgendwann beim Proben merke:

Scheiße. Den kann ich doch nicht vor fremden Menschen lesen. Und wahrscheinlich ist genau das dann der richtige. Denn natürlich geht es bei diesem Ziel ums Vorlesen.

Aber eben nicht nur. Es geht darum, mich nicht hinter dem fertigen Text zu verstecken. Nicht hinter Instagram. Nicht hinter einer Website. Nicht hinter einem Buch. Sondern meine eigenen Worte selbst in einen Raum zu tragen. Mit allem, was dazugehört. Nervosität. Trockener Mund. Wahrscheinlich zu schnelles Reden. Vielleicht irgendein Mensch in der ersten Reihe, der genau in dem Moment anfängt zu husten, wenn ich meinen besten Satz vorlese.

Das Leben verfügt schließlich über ein ausgezeichnetes Timing für solchen Quatsch.

Und trotzdem will ich das. Ich möchte irgendwann irgendwo hinter einer Bühne stehen. Den Text in der Hand. Vielleicht einen Kaffee daneben. Vielleicht Musik aus irgendeinem Nebenraum. Und dann sagt jemand meinen Namen.

Ich gehe nach vorne. Stelle mich ans Mikrofon. Schaue kurz in diesen Raum voller Menschen, die keine Ahnung haben, was jetzt kommt. Und dann lese ich den ersten Satz. Nicht irgendwann natürlich. Das wäre ja albern.

Ich hab mir in den vergangenen Monaten ziemlich viel vorgenommen. Reisen. Schreiben. Konzerte. Neue Orte. Bescheuerte Ideen. Vernünftige Ideen. Dinge, bei denen andere wahrscheinlich kurz fragen würden, ob das wirklich nötig ist. Nein. Natürlich nicht. Aber genau deshalb will ich das ja. Und irgendwo zwischen all diesen Zielen steht ein Satz, der eigentlich gar kein Ziel ist:

NICHT IRGENDWANN.

Der Satz ist längst größer geworden als das Buch oder die Website. Er ist für mich inzwischen eher eine ziemlich einfache Erinnerung daran, mein Leben nicht ständig auf später zu verschieben. Also kommt er auf die Haut. Klein. Schlicht. Ohne großes Gedöns. Kein Motivationsspruch. Kein „Du schaffst alles“. Keine Lebensweisheit aus dem Dekoladen. Nur zwei Wörter, die mich daran erinnern, dass „irgendwann“ verdammt schnell zu „nie“ werden kann. Und weil ich offenbar ein Mensch bin, der seine eigenen Regeln gelegentlich schriftlich braucht, wird diese hier eben tätowiert.

nicht irgendwann.

So, dass ich es sehe. Und ruhig auch die Menschen, denen ich die Hand gebe.

Heute, am Donnerstag, dem 23. Juli 2026, hatte ich plötzlich die Idee, in Meschede eine Pizza essen zu gehen. Nicht nächste Woche. Nicht irgendwann im Herbst. Nicht, wenn ich vorher eine Reiseroute ausgearbeitet, das Wetter geprüft und drei verschiedene Funktionsjacken miteinander verglichen habe. Am Arsch. Morgen früh.

Meschede liegt ungefähr 300 Kilometer entfernt. Jedenfalls dann, wenn man nicht einfach ins Auto steigt und stumpf Richtung Sauerland fährt, sondern mit der Deutschlandkarte unterwegs ist und sich dem deutschen Regionalverkehr vollständig ausliefert. Kann man machen. Ich muss. Also Busse. Regionalzüge. Umstiege. Bahnsteige. Verspätungsanzeigen. Und Menschen, die fünf Minuten vor Abfahrt mit drei Koffern, einem Coffee-to-go und wachsender Verzweiflung feststellen, dass ihr Zug leider vom anderen Ende des Bahnhofs fährt. Kacke gelaufen, kann mir auch passieren.

Es ist jetzt 23:20 Uhr. Morgen fahre ich los. Mit einem Rucksack, festen Schuhen und vermutlich deutlich mehr Zeug, als ein erwachsener Mann für zwei Nächte tatsächlich braucht. Ich werde mehrere Stunden unterwegs sein, ungefähr 300 Kilometer durch Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen fahren und dabei wahrscheinlich öfter umsteigen, als es für den Verzehr einer einzelnen Pizza vernünftig wäre.

Samstag gehe ich im Sauerland wandern. Nicht ein bisschen durch den Kurpark schlendern und anschließend so tun, als hätte ich den Rothaarsteig bezwungen. Ich möchte raus. Waldwege. Berge. Dreckige Schuhe. Schwere Beine. Vielleicht Regen. Vielleicht Sonne. Keine Ahnung. Ich hab nicht geguckt.

Sonntag fahre ich wieder zurück.  Noch einmal rund 300 Kilometer. Noch einmal Regionalzüge, Umstiege und die Hoffnung, dass die Bahn mich tatsächlich wieder ungefähr dort abliefert, wo ich angefangen habe. Und irgendwo zwischen Anreise, Wanderung und Rückfahrt werde ich in Meschede eine Pizza essen.

Das klingt zunächst nicht nach einem besonders großen Ziel. Andere Menschen fliegen nach Nepal, besteigen Berge oder paddeln mit einem Zahnstocher über den Atlantik. Ich fahre mit der Deutschlandkarte ins Sauerland und bestelle etwas mit Käse. Kann man belächeln. Ist auch bescheuert. Aber um die Pizza geht es überhaupt nicht.

Pizza bekomme ich auch hier. Dafür müsste ich nicht morgens einen Rucksack packen, mehrere Stunden in Regionalzügen sitzen und mich an irgendeinem zugigen Bahnhof fragen, warum zum Teufel ich nicht einfach zu Hause geblieben bin. Wie gesagt, Pizza. Kann ich auch hier essen. Die gastronomische Versorgungslage ist ja nicht vollkommen zusammengebrochen.nEs geht darum, dass ich heute eine Idee hatte und morgen tatsächlich losfahre.

Normalerweise lassen wir zwischen diesen beiden Dingen ziemlich viel Platz. Wir haben eine Idee. Dann denken wir darüber nach. Fragen irgendjemanden. Freunde. Familie. Keine Ahnung. Dann prüfen wir das Wetter. Dann schauen wir nach Unterkünften. Dann überlegen wir, ob das Wochenende wirklich passt. Dann wird irgendetwas teuer, unbequem oder anstrengend. Und plötzlich liegt die Idee irgendwo zwischen „müsste man mal machen“ und „vielleicht nächstes Jahr“. Dieses Mal nicht.

Dieses Mal lagen zwischen dem Gedanken und der Abfahrt keine Monate. Nicht einmal eine Woche. Nur eine Nacht, ein gepackter Rucksack und die Entscheidung, morgen früh tatsächlich an der Haltestelle zu stehen. Vielleicht fährt ein Zug nicht. Vielleicht regnet es am Samstag den ganzen Tag. Vielleicht tut mir nach zehn Kilometern alles weh und die Pizza ist am Ende nicht einmal besonders gut. Das wäre natürlich enttäuschend, aber für die Geschichte ziemlich brauchbar.

Entscheidend ist nur, ich bin hingefahren.

Rund 600 Kilometer hin und zurück. Mit der Deutschlandkarte. Für ein Wochenende im Sauerland, eine Wanderung und eine Pizza in Meschede. Vernünftig ist das vermutlich nicht. Mein Bankberater würde mich an die Wand klatschen. Aber vernünftig zu warten, bis alles perfekt passt, oder jemand zustimmt, hat mich bisher auch nicht besonders weit gebracht.

Also fahre ich morgen los.

Ich möchte in drei Tagen 250 Kilometer mit dem Gravel-Bike fahren. Dumm nur, dass ich nicht mal ein Fahrrad habe. Ist für so ein Ziel natürlich eher ungünstig. Aber gut. Es soll ja Menschen geben, die sich für einen Marathon anmelden, obwohl sie beim Treppensteigen schon anfangen, mit Gott zu verhandeln und schaffen es trotzdem. Und ich möchte eben 250 Kilometer mit einem Fahrrad fahren, das ich noch nicht besitzen. Es soll aber kein E-Bike sein. Auch keine entspannte Rentnerrunde mit Kuchenpause, Rückenwind und einem kleinen Päuschen nach jeder Steigung. Nichts gegen Rentner natürlich. Werde ich auch vielleicht mal sein und dann ist das bestimmt geil.

Egal. Drei Tage. Rund 80 bis 90 Kilometer am Tag. Über Straßen, Feldwege und Schotter. Mit Gepäck, Gegenwind und einem untrainierten Arsch, der vermutlich spätestens nach dem ersten Tag offiziell aus dem Projekt aussteigen möchte.

Auf dem Papier klingt das machbar. Auf Papier klingt allerdings vieles machbar. Früh aufstehen. Mehr Sport. Weniger Scheiße essen. Das Leben im Griff haben. Alles kein Problem, solange man es nur aufschreibt und danach erstmal einen Kaffee trinkt.

250 Kilometer in drei Tagen bedeuten, morgens wieder auf dieses verdammte Fahrrad zu steigen, obwohl die Beine schwer sind und der Körper sehr überzeugend erklärt, dass gestern doch vollkommen gereicht hat.

Am ersten Tag ist man wahrscheinlich noch motiviert. Am zweiten Tag fängt man an, den Sattel persönlich zu hassen. Und am dritten Tag besteht die gesamte Persönlichkeit vermutlich nur noch aus Fick Dich, Fluchen, Essen und der Frage, wie viele Kilometer es noch sind.

Mir geht es nicht darum, besonders sportlich auszusehen. Das wird ohnehin nicht passieren. Menschen, die auf dem Gravel-Bike gut aussehen, besitzen meistens enge Trikots, passende Schuhe und Sonnenbrillen, mit denen man vermutlich auch kleinere Satelliten orten kann.

Ich werde aussehen wie ein überforderter Paketbote. Drauf geschissen. Ich möchte wissen, ob ich drei Tage lang weitermache. Auch wenn das Wetter scheiße ist. Wenn der Wind von vorne kommt. Wenn die Strecke plötzlich nicht mehr aus romantischen Feldwegen besteht, sondern aus Schlaglöchern, Schotter und irgendeinem Hügel, der von weiten schon nervt. Oder wenn ich morgens aufwache und beim Aufstehen Geräusche mache, die sonst nur alte Möbel von sich geben.

Ein Tag ist vielleicht keine Sache. Da kann man sich durchbeißen, sich selbst belügen und hinterher sagen: „War doch gar nicht so schlimm.“ Aber am nächsten Morgen nochmal aufzusteigen, obwohl man inzwischen sehr genau weiß, wie schlimm es ist das ist der eigentliche Punkt. Ich bin ja, was Fahrradfahren untrainiert und deswegen, brauche ich, bevor das alles losgeht, ein Fahrrad. Kein Carbon-Raumschiff für 8.000 Euro. Kein Gerät, bei dem allein die Trinkflaschenhalterung mehr kostet als mein erster Gebrauchtwagen.

Während andere an dieses Jahr an Heiligabend Raclettepfännchen vollstopfen, den Braten aus dem Ofen ziehen oder einen reinschieben und sich dabei ärgern, dass sie am nächsten Tag wieder neben Onkel Rüdiger sitzen müssen, will ich an einer Autobahnraststätte Abend essen. Nee, nicht morgens kurz einen Kaffee holen, eben tanken und dann weiter. Ich will, wenn alle anderen Bescherung machen, richtig da sitzen. Mit Tablett. Unter Neonlicht. Zwischen Lkw-Parkplätzen, Zapfsäulen und Menschen, die an diesem Abend offenbar ebenfalls nichts Besseres vorhaben. Oder nichts Besseres haben.

Vielleicht gibt es Schnitzel mit Pommes Mayo. Vielleicht Currywurst. Vielleicht eine Frikadelle, die schon seit dem Nachmittag unter so ner Wärmelampe liegt und inzwischen vermutlich zäher ist als so manche Ehe, die an diesem Abend am festlich gedeckten Tisch weitergeführt wird. Mit Schwiegereltern im Gepäck natürlich. Vielleicht trinke ich auch nur einen Kaffee und esse irgendeinen Scheiß aus der Warmhaltetheke, bei dem ich besser nicht zu genau wissen möchte, wann er dort hineingelegt wurde.

Aber darum geht es aber eigentlich gar nicht. Mich interessiert dieser Ort. Ich hab mich das immer schon gefragt. Eine Raststätte ist ja eigentlich sonst so ein Platz, an dem niemand wirklich freiwillig länger bleibt. Man geht pinkeln, holt sich einen überteuerten Kaffee, guckt kurz auf die Preise für belegte Brötchen und fragt sich, ob die inzwischen von Hand in der Schweiz gefertigt werden, so teuer wie die sind. Dann fährt man weiter.

An Heiligabend ist das anders. Fast überall sitzen Menschen in irgendwelchen Wohnzimmern. Kerzen brennen. Geschenke werden ausgepackt. Kinder drehen durch. Erwachsene sagen Sätze wie: „Wir schenken uns dieses Jahr aber wirklich nichts Großes“, bevor ein Karton auf dem Tisch landet, für den vermutlich irgendwo ein Kleinkredit aufgenommen wurde. Und während dieser ganze Weihnachtszirkus läuft, bleibt die Autobahn wahrscheinlich fast leer und die Raststätten offen. Glaub ich. Weiß ich natürlich nicht.

Da arbeiten Menschen. Menschen, die Kaffee kochen, Klos putzen, Brötchen belegen, Tabletts abräumen und freundlich bleiben sollen, während anderswo Kartoffelsalat gegessen wird und irgendein Kind gerade ein Geschenk bekommt, das nach spätestens drei Tagen unter dem Sofa liegt.

Andere halten dort an. Lkw-Fahrer, die es nicht mehr rechtzeitig nach Hause geschafft haben. Menschen auf dem Weg zur Familie. Menschen auf dem Weg von der Familie weg. Vielleicht sogar Leute, die lieber vier Stunden Autobahn fahren, als noch einen Abend in einem Wohnzimmer zu verbringen, in dem seit Jahren nichts mehr stimmt, aber jedes Jahr derselbe Lametta-Scheiß aufgehängt wird.

Vielleicht sitzt dort jemand allein, weil niemand auf ihn wartet. Vielleicht sitzt dort jemand allein, weil er genau das wollte. Vielleicht telefoniert ein Mann mit seiner Tochter, während vor ihm eine Currywurst langsam kalt wird. Vielleicht trinkt eine Frau schweigend Kaffee und sieht draußen den Lastwagen beim Einparken zu. Vielleicht redet niemand miteinander. Vielleicht passiert überhaupt nichts. Auch gut. Ich weiß es nicht.

Es muss nicht schön werden. Es muss nicht feierlich werden. Es darf leer sein. Trostlos. Kalt. Der Kaffee darf scheiße schmecken und die Weihnachtsdekoration aus einem Plastikzweig bestehen, an dem seit 2009 dieselben drei roten Kugeln hängen.

Ich will daraus ja keine rührende Weihnachtsgeschichte machen. Eine Autobahnraststätte bleibt eine Autobahnraststätte. Auch wenn irgendwo ein batteriebetriebener Weihnachtsmann „Jingle Bells“ dudelt und dabei aussieht, als hätte er selbst längst gekündigt.

Aber vielleicht sieht man da an diesem Abend mehr vom echten Leben als in manchem Wohnzimmer. Es ist ja nun mal so. Nicht alle Menschen feiern Weihnachten. Nicht alle wollen es feiern. Manche müssen arbeiten. Manche sind unterwegs. Manche sind allein. Manche sind froh, allein zu sein. Und manche haben einfach keinen Ort, an dem jemand sagt: „Schön, dass du da bist.“

Vielleicht komme ich mit jemandem ins Gespräch. Vielleicht auch nicht. Vielleicht sitze ich einfach da, esse mein Schnitzel, trinke einen Kaffee und sehe den Menschen zu, die für ein paar Minuten anhalten, bevor sie wieder irgendwohin verschwinden.

Und danach fahre ich weiter. Kein Baum. Keine Bescherung. Kein Kartoffelsalat aus der Schüssel, die nur einmal im Jahr aus dem Schrank geholt wird. Keine selbstgemachen Hamburger zu Mittag. Nichts. Dafür ein Heiligabend, an den ich mich vermutlich länger erinnere als an den siebzehnten Abend im Wohnzimmer, an dem alle nett tun und spätestens um halb zehn jeder froh ist, wenn der Scheiß endlich vorbei ist.