Ja. Moin. Ich habe gerade meinen Rucksack gepackt. Zumindest glaube ich, dass ich fertig bin. Eine Zugverbindung habe ich auch gefunden. Das Nötigste steht also für zwei Nächte ganz allein mitten im Wald. Ende Oktober. Ohne Strom. Ohne fließendes Wasser. Mit einem Plumpsklo, dass nicht direkt vor dem Bauwagen steht und vor allem ohne die geringste Ahnung, ob ich an alles gedacht habe. Wahrscheinlich nicht. Mir fehlen zum Beispiel Powerbanks. Die habe ich gar nicht. Ich besitze genau ein Jagdmesser, eine Taschenlampe und weiß nicht einmal, ob deren Akkus zwei Nächte durchhalten. Außerdem habe ich keine Ahnung, wie ich mir morgens einen Kaffee kochen soll. Und das ist tatsächlich der Punkt, der mir gerade die größten Sorgen bereitet. Nicht die Dunkelheit. Auch nicht die Kälte, der Bauwagen hat zum Glück eine Holzofen. Auch nicht irgendwelche Tiere, die nachts vielleicht um meinen Bauwagen schleichen. Nee. Kaffee. Ich kann mir vieles vorstellen, aber morgens erstmal frierend vor einem Holzofen zu sitzen und festzustellen, dass ich zwar mitten im Wald bin, aber keinen verdammten Kaffee hinbekomme, gehört nicht unbedingt dazu. Egal, sooo schlimm ist das auch nicht.
Aber ganz ehrlich? Die Idee klang vor ein paar Monaten noch ziemlich geil. Zwei Nächte in einem alten Bauwagen. Irgendwo zwischen Bäumen, Laub und diesem herbstlichen Geruch nach feuchter Erde. Eine kleine Terrasse, ein Holzofen, ansonsten nicht viel. Kein Fernseher. Kein WLAN, vielleicht nicht mal Netz. Auch kein Kühlschrank. Einfach nur raus. Ich hatte sofort Bilder im Kopf. Morgens Nebel zwischen den Bäumen. Ein knisternder Ofen abends. Heißer Kaffee in den Händen und diese wunderbare Ruhe, die man in keinem Wellnesshotel der Welt buchen kann. Und jetzt stehe ich vor meiner Tasche und überlege, ob ich überhaupt genug Socken eingepackt habe. So viel zur Romantik.
Und dabei habe ich dieses Ziel auf meine Liste geschrieben, weil ich genau solche Sachen erleben will. Sachen, bei denen ich nicht schon vorher weiß, wie alles funktioniert. Bei denen nicht jeder Handgriff geplant und jede Eventualität abgesichert ist. Natürlich könnte ich mich besser vorbereiten. Ich könnte irgendwelche Outdoor-Foren durchforsten, mir Ausrüstungslisten herunterladen und anschließend Geld für Kram ausgeben, deren Namen ich vermutlich nicht einmal richtig aussprechen kann. Aber ich will ja nicht den Himalaya überqueren. Ich will zwei Nächte in einem Bauwagen schlafen. In einem deutschen Wald. Mitten im Herbst. Und dazu braucht man eigentlich nicht besonders viel. Einen Schlafsack. Zahnbürste. Irgendwie Wasser. Etwas zu essen. Fertig.
Trotzdem muss ich zugeben, dass sich die Sache inzwischen ein bisschen anders anfühlt als beim Buchen. Damals war Sommer. Die Tage waren lang. Hell. Die Abende warm und der Oktober ein Monat in der Zukunft. Jetzt ist Oktober. Draußen wird es früh dunkel. Ziemlich früh. Morgens ist es manchmal kalt. Und den Wetterbericht hab ich mir noch nicht mal angesehen. Der Wald wird nass sein. Vielleicht regnet es. Vielleicht wird es nachts so still, dass ich jedes Knacken für ein ausgewachsenes Wildschwein halte, was ich aber, aus dem Bauwagen heraus ziemlich geil finde. Und ich freue mich darauf. Sogar ziemlich. Vielleicht ja gerade deshalb, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Weil ich zum ersten Mal seit Langem irgendwo hinfahre, ohne dort irgendetwas erledigen zu müssen. Ich hab keinen richtigen Termin. Keine Verpflichtungen und da ich allein bin, niemand, der etwas von mir erwartet. Ich muss keine Sehenswürdigkeiten abhaken, keine Kilometer schaffen und auch nicht besonders produktiv sein. Ich darf einfach dort sitzen. Vielleicht ein Buch lesen. Vielleicht schreiben. Vielleicht stundenlang aus dem Fenster schauen und beobachten, wie der Herbst vor sich hinregnet. Ich werde mit Sicherheit durch den Wald laufen und Fotos schießen und ganz sicher werde ich Menschen vermissen, die mir wirklich was bedeuten und mit denen ich die Nächte sonst verbracht hätte. Trotzdem habe ich genau darauf Lust. Auf diese zwei Nächte, in denen die Welt draußen einfach mal ohne mich weitermachen darf. In denen mein Telefon irgendwann keinen Empfang oder keinen Akku mehr hat und ich nicht sofort nach einer Steckdose suchen kann. In denen ich abends ein Feuer machen muss, wenn ich es warm haben möchte. Und in denen ich möglicherweise feststelle, wie angenehm es sein kann, wenn nicht ständig irgendetwas blinkt, klingelt oder meine Aufmerksamkeit haben möchte.
Natürlich wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich völlig entspannt bin. Ein bisschen Respekt habe ich schon. Vor der Dunkelheit, vor der Kälte und vor meiner eigenen Fähigkeit, aus einer eigentlich einfachen Angelegenheit ein mittelschweres organisatorisches Desaster zu machen. Aber ich kenne mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass genau daraus manchmal die besten Geschichten entstehen. Jetzt steht die Tasche, ähm, der Rucksack jedenfalls bereit. Die Verbindung habe ich gespeichert. Mehr kann ich gerade ohnehin nicht machen, außer vielleicht noch einmal nachzusehen, ob ich die Taschenlampe tatsächlich eingepackt habe. Ich sollte nochmal gucken, ob sie geladen ist. Wirklich geladen. Und wenn ich dann Samstag morgen irgendwo im Wald sitze, der Ofen ausgegangen ist, mein Handy nur noch drei Prozent Akku hat und ich verzweifelt versuche, irgendwie Wasser für einen Kaffee heiß zu bekommen, werde ich vermutlich einen kurzen Moment darüber nachdenken, was zur Hölle ich mir dabei eigentlich gedacht habe. Aber wenigstens bin ich dann dort. Hoffentlich mit Kaffee. Mal gucken.

