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Verden. An der Aller.

Ende Oktober, ein Himmel voller Scheißwetter und eine Stadt, die vielleicht schon bald mein neues Zuhause wird.

Datum 27. Oktober 2026
Ort Verden (Aller)
Status Zufrieden
Ausrede Ich wüsste keine.

Ende Oktober. In einem Schaufenster grinsen mich ein paar ziemlich hässliche Fratzen an. Ein Zombie sitzt in einem kleinen Käfig. Von der Decke hängen Spinnweben. Und auf dem Boden stehen Kerzen, die verdächtig nach Grablichtern aussehen. In der Ecke haben sie einen Grabstein aufgestellt. Natürlich keinen echten. Wobei mich inzwischen auch das nicht mehr wundern würde. Hier hat sich jedenfalls jemand ordentlich Mühe gegeben, den Tod möglichst unterhaltsam zu gestalten. Halloween. Natürlich. Steht ja vor der Tür. Die meisten Menschen laufen einfach an dem Schaufenster vorbei. Nur ein paar Kinder bleiben stehen und gucken sich die gruseligen Dinger an. Wahrscheinlich freuen sie sich schon darauf, in ein paar Tagen verkleidet durch die Straßen zu ziehen, an fremden Haustüren zu klingeln und Süßigkeiten zu erpressen. Süßes oder Saures. Klingt eigentlich nach organisierter Schutzgelderpressung im Grundschulalter. Aber scheiß drauf. Die Kinder haben Bock, sind draußen, ,bewegen sich und das ist doch die Hauptsache.

Okay. Halloween. Der Abend vor Allerheiligen. Ende Oktober. Das Jahr biegt langsam auf die Zielgerade ein und ich frage mich, wann zur Hölle das eigentlich passiert ist. Gerade war noch Sommer, jetzt stehen überall Kürbisse herum und in ein paar Wochen wird uns im Supermarkt wieder irgendein Weihnachtsmann aus den Lautsprechern „HO HO HO“ entgegenbrüllen. Die Zeit rennt. Und das völlig ohne Rücksicht darauf, ob man mit seinem eigenen Leben gerade hinterherkommt. Egal. Ein paar Meter weiter steht ein älterer Herr an einem kleinen Imbisswagen. Achtzig dürfte er sein, vielleicht etwas jünger. Er isst eine Krakauer. Ganz in Ruhe. Zumindest in dem Moment, in dem ich ihn beobachte. Und irgendwie ist das ein verdammt schönes Bild. Ein alter Mann, eine amtliche Krakauer und ein Dienstagnachmittag Ende Oktober. Während anderswo Menschen versuchen, ihr gesamtes Leben in irgendwelche Kalender, Apps und Selbstoptimierungsprogramme zu pressen, steht dieser Kerl da und isst ne Wurst. Vielleicht hat er heute auch noch 47 Dinge zu erledigen. Vielleicht ist ihm das alles aber auch gerade herzlich egal. Ich gönne ihm Letzteres.

Das Wetter könnte geiler sein. Über Verden an der Aller hängen dunkle Wolken. So ein richtig schönes norddeutsches Scheißgrau. Nicht dramatisch genug für ein ordentliches Gewitter aber es könnte reichen, um einem jederzeit den Nachmittag zu versauen. Es sieht nach Regen aus. Noch ist er nicht da. Ich hoffe, das bleibt so. Ich laufe weiter durch die Fußgängerzone. Schaue in Schaufenster, entdecke kleine Geschäfte, alte Fachwerkhäuser und starre immer mal wieder auf das Kopfsteinpflaster. Menschen kommen mir entgegen. Mit Einkaufstüten, Fahrrädern oder diesem Gesichtsausdruck, den Menschen bekommen, wenn sie eigentlich schon vor einer halben Stunde irgendwo hätten sein müssen. Andere schlendern ganz entspannt durch die Straßen. Vielleicht Touristen, die sich die Pferdestadt unweit von Bremen anschauen. Vielleicht wohnen sie aber auch hier. Keine Ahnung. Ich kenne schließlich keinen von ihnen. Noch nicht jedenfalls. Und während ich durch diese Stadt laufe, fällt mir auf, dass ich sie mit ganz anderen Augen betrachte als die vielen Orte, die ich in den vergangenen Monaten besucht habe. Ich bin nicht einfach hier, um mir ein paar schöne Häuser anzuschauen, einen Kaffee zu trinken und anschließend wieder abzuhauen. Ich möchte wissen, wie sich Verden anfühlt. Wie die Menschen hier leben. Welche Ecken schön sind und welche man sich vermutlich auch sparen kann. Wo man morgens seinen Kaffee bekommt, wo man abends noch etwas essen kann und an welchem Imbiss man mit achtzig hoffentlich immer noch eine verdammt gute Krakauer kriegt.

Denn vielleicht wird diese Stadt noch in diesem Jahr mein Zuhause auf Zeit. Keine Ahnung. Kann ja sein. Mit fünfundvierzig noch einmal irgendwo neu anfangen. Eine Wohnung suchen. Seine Sachen zusammenpacken. In eine Stadt ziehen, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Klingt nicht unbedingt nach dem Lebensplan, den man als junger Kerl mal im Kopf hatte. Aber wer zum Teufel hat eigentlich beschlossen, dass man mit Mitte vierzig längst angekommen sein muss? Dass der Wohnort feststeht, das Leben ordentlich eingerichtet ist und man gefälligst die Füße stillhalten soll?

Ich jedenfalls nicht.

Vielleicht laufe ich schon in ein paar Wochen wieder durch diese Fußgängerzone. Dann nicht mehr als Besucher, sondern als jemand, der hier wohnt. Der zum Bäcker geht, seinen Einkauf erledigt, sich über irgendwelchen Kleinkram aufregt und irgendwann ganz selbstverständlich sagt: „Ich fahr nach Hause.“ Und an Weihnachten guck ich aus dem Fenster, vielleicht fällt Schnee, vielleicht regnet es, aber im Hintergrund läuft Weihnachtsmusik. Das wäre was. Einfach ein Zuhause.

Ich schaue noch einmal in Richtung des Imbisswagens. Der alte Herr lässt sich seine Krakauer schmecken. Über der Stadt hängen immer noch diese beschissenen Wolken. Und ich denke mir: Verden könnte passen. Verdammt gut sogar.

In den nächsten Tagen kommt der Arbeitsvertrag per Post.