Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder was gemacht, worin ich inzwischen erschreckend gut geworden bin. Zeit verschwendet. Einfach so. Ohne besonderen Grund und schon gar nicht mit irgendeinem geilen Ziel. Ich saß auf dem Bett. Das große Licht war aus. Das wird übrigens auch mit Mitte vierzig bei mir noch so heißen. Großes Licht. Keine Ahnung, ob ich eines Tages erwachsen genug sein werde, um dafür eine andere Bezeichnung zu finden. Bei mir ist es jedenfalls noch nicht so weit. Egal.
Mein Smartphone leuchtete mir ins Gesicht, während ich mit dem Daumen durch Instagram scrollte. Reels. Eins nach dem anderen. Menschen im Urlaub. Beim Auspacken irgendwelcher Pakete, beim Essen, beim Sport oder dabei, wie sie anderen Menschen erklären, was diese in ihrem Leben grundsätzlich falsch machen. Dazwischen irgendwelche Beziehungstipps von Leuten, deren letzte drei Beziehungen vermutlich an genau diesen Tipps gescheitert sind. Autos, Fitnessstudios, Restaurants. Menschen, die sich lieben, sich gegenseitig verarschen, sich über alles beschweren oder offenbar nichts Besseres zu tun haben, als ihre komplette Existenz ins Internet zu übertragen. Ja. Moin. Ich erkenn mich selbst wieder.
Aber mitten in diesem digitalen Durcheinander blieb ich an einem Video hängen.
Ein Fußballspieler lief über den Platz. Ich kannte ihn nicht. Keine Ahnung, für welchen Verein er spielte, ob er gerade ein Tor geschossen oder jemanden gefoult hatte. Fußball interessiert mich ohnehin nur mäßig, was mich vermutlich für ungefähr die Hälfte der männlichen Bevölkerung als Gesprächspartner disqualifiziert. Auch egal. Jedenfalls sah ich diesen Mann über den Rasen laufen. Er lachte. Ein kurzer Augenblick. Vielleicht hatte ein Mitspieler etwas Lustiges gesagt. Möglicherweise freute er sich einfach über irgendetwas. Ich hab echt keine Ahnung. Aber nur Sekunden später brach er zusammen. Gestorben. Eben noch ein Lachen. Dann nichts mehr.
Ich saß da, das Telefon in der Hand, und dachte darüber nach, wie bekloppt diese Vorstellung eigentlich ist. Dieser Mann war jünger als ich. Zumindest sah er so aus. Vermutlich hatte er Pläne. Irgendwelche Verabredungen, Dinge, auf die er sich freute, vielleicht eine Nachricht, die er später noch beantworten wollte. Alles, was einen ganz gewöhnlichen Tag ausmacht.
Bloß gab es dieses Später für ihn nicht mehr.
Natürlich weiß ich, dass Menschen sterben.
Mit fünfundvierzig sollte man dieses grundsätzliche Prinzip des Lebens einigermaßen begriffen haben. Trotzdem benehmen wir uns im Alltag erstaunlich oft so, als würde es immer nur die Anderen treffen. Die Alten. Die Kranken. Irgendwelche Menschen aus den Nachrichten, die wir nicht kennen. Uns selbst? Ach komm. Echt jetzt? Dafür haben wir doch noch Zeit.
Hoffen wir jedenfalls.
Das Problem ist allerding, dass sich das Leben nicht so für unsere Zeitplanung interessiert. Irgendwann geht das Licht aus. Punkt. Ohne Vorwarnung. Ohne letzte Gelegenheit, die offenen Ziele auf unserer persönlichen Liste abzuarbeiten. Da meldet sich auch kein freundlicher Mitarbeiter des Universums drei Wochen vorher und erklärt am Telefon: „Moin Otto. Nur kurz zur Info. Wir würden hier demnächst Feierabend machen. Falls du noch irgendetwas vorhaben solltes, äähhmm, wäre jetzt möglicherweise ein guter Zeitpunkt.“
Und genau deshalb beschäftigt mich dieses Video. Nicht, weil ich besonders gerne über den Tod nachdenke. Ganz im Gegenteil. Ich habe mittlerweile genug von den beschissenen Seiten des Lebens gesehen, um nicht auch noch freiwillig in jeder freien Minute darüber nachzudenken. Viel interessanter finde ich die Frage, was wir mit der Zeit anfangen, die uns tatsächlich zur Verfügung steht. Denn wenn man sich unseren Alltag manchmal anschaut, könnte man meinen, irgendwo auf dem Dachboden läge noch ein zweites Leben. Originalverpackt. Für später. Falls das erste nicht ganz nach unseren Vorstellungen funktioniert.
Darin sind wir ziemlich gut. Gespräche aufschieben, Entscheidungen vertagen, Reisen auf irgendwann verschieben. Gefühle für uns behalten, weil der richtige Moment angeblich noch nicht gekommen ist. In Beziehungen bleiben, die längst nicht mehr geil sind, oder Veränderungen vermeiden, weil sie unbequem werden könnten. Lieber alles noch einmal gründlich durchdenken. Vielleicht im nächsten Monat. Nach dem Urlaub. Wenn etwas mehr Ruhe eingekehrt ist.
Dummerweise hat das Leben die beschissene Angewohnheit, währenddessen einfach weiterzulaufen. Aus Montagen werden Freitage, aus Sommern Herbste und aus Kindern irgendwann Erwachsene. Menschen, mit denen wir gestern noch selbstverständlich am Küchentisch saßen, wohnen plötzlich weit weg oder gehören aus anderen Gründen nicht mehr zu unserem Alltag. Manche sehen wir seltener, andere irgendwann überhaupt nicht mehr. Dafür müssen wir übrigens nicht mal sterben. Das passiert so. Und besonders gemein finde ich, dass wir meistens gar nicht merken, wenn etwas zum letzten Mal passiert.
Der letzte gemeinsame Kaffee. Ein völlig bescheuertes Gespräch, an dessen Inhalt man sich drei Tage noch erinnert. Eine Umarmung an der Haustür. Dieser eine Abend, an dem noch alles ganz normal war. Niemand hängt vorher ein Schild auf und sagt: „Pass auf. Den Augenblick solltest du dir merken. So wird es ihn nie wieder geben.“
Stattdessen verabschieden wir uns mit einem flüchtigen „Bis nachher“, ziehen die Tür hinter uns zu und beschäftigen uns gedanklich bereits mit dem nächsten Termin. Vielleicht hätten wir noch fünf Minuten bleiben sollen. Ein bisschen länger zuhören. Noch einmal richtig hinsehen, statt nur nebenbei anwesend zu sein.
Fünf Minuten sind nicht besonders viel, Aber außer diesen bekommt man manchmal nicht mehr.
Unser Verhältnis zur Zeit ist sowieso ziemlich merkwürdig. Jedes Jahr feiern wir Geburtstag und freuen uns darüber, wieder ein Jahr älter geworden zu sein. Herzlichen Glückwunsch. Noch ein Jahr geschafft. Dabei bedeutet jeder Geburtstag gleichzeitig, dass eines der Jahre, die uns überhaupt zur Verfügung stehen, bereits hinter uns liegt. Ich möchte damit niemandem die Geburtstagstorte versauen. Aber ein bisschen bescheuert ist diese ganze Rechnung dann doch schon.
Noch merkwürdiger finde ich allerdings, wie häufig wir unser eigenes Leben behandeln, als wäre es eine Generalprobe. Wir üben noch. Sammeln Erfahrungen, bringen Dinge in Ordnung, arbeiten an uns und bereiten uns darauf vor, irgendwann endlich richtig loszulegen. Sobald die Umstände stimmen, das Konto viel Kohle anzeigt und sämtliche Probleme irgendwann verschwunden sind. Als würde eines Morgens jemand die Tür aufreißen und rufen: „So, Katharina! Generalprobe beendet. Ab heute wird gelebt!“
Schlechte Nachricht, Katharina, der große Auftritt läuft längst.
Mit ungewaschener Wäsche, unbezahlten Rechnungen, verpassten Zügen, wunderschönen Menschen und Tagen, an denen man am liebsten überhaupt nicht aufgestanden wäre. Dazu kommen diese vollkommen klitzekleinen Augenblicke, in denen plötzlich alles stimmt. Ein Kaffee unterwegs. Musik, die man seit Jahren nicht gehört hat. Jemand erzählt völligen Blödsinn und lacht darüber so laut, dass man selbst mitlachen muss und nicht mehr aufhören kann. Nichts davon wäre besonders spektakulär genug für einen Kinofilm. Aber für ein Leben reicht es vollkommen.
ES MUSS NICHT IMMER ALLES GUT SEIN.
Mal unter uns Gebetsschwestern. Mit diesem zwanghaften Positivdenken kann ich inzwischen herzlich wenig anfangen. Überall erzählen uns Menschen, wir müssten nur fest genug an das Gute glauben, unsere Gedanken ordentlich ausrichten und jeden Morgen irgendeinen motivierenden Satz vor dem Badezimmerspiegel aufsagen. Schon würde sich das Universum darum kümmern, dass alles wieder schön wird. Natürlich mit dem entsprechenden Onlinekurs oder dem drei-Tage-all-in-Seminar in einem schönen Land für 6,329,47 Euro und 11% Engelsrabatt.
Ja, nee. Ist klar.
So funktioniert das nicht. Jedenfalls nicht in dem Leben, das ich kenne. Dieses Jahr hat mir ziemlich deutlich gezeigt, dass man sich manche Dinge noch so sehr wünschen kann, ohne dass sie deshalb passieren. Menschen gehen trotzdem. Pläne scheitern. Beziehungen verändern sich. Manchmal verliert man Dinge, von denen man felsenfest überzeugt war, dass sie bleiben würden. Und hin und wieder steht man morgens auf, schaut auf den Tag vor sich und hat überhaupt keine Ahnung, wie man diesen verdammten Kram bewältigen soll. Da hilft es auch nicht, dreimal laut „Heute wird ein wundervoller Tag!“ zu verkünden.
Traurigkeit gehört zum Leben. Angst genauso. Wut, Enttäuschung, Unsicherheit und diese Tage, an denen man sich am liebsten mit niemandem reden möchte. All das darf da sein. Ich finde sogar, dass wir diese Gefühle viel zu häufig wegdrücken, weil wir glauben, möglichst schnell wieder funktionieren zu müssen. Bloß keine Schwäche zeigen. Immer schön weitermachen. Lächeln und behaupten, alles sei in Ordnung.
Was für ein Quatsch.
Wer gerade traurig ist, darf traurig sein. Wer Angst hat, muss daraus nicht innerhalb von drei Tagen eine inspirierende Erfolgsgeschichte machen. Und wenn etwas richtig scheiße gelaufen ist, braucht niemand einen kunstvoll formulierten Satz darüber, dass jede Erfahrung angeblich ein Geschenk sei. Manche Erfahrungen sind keine Geschenke. Die möchte man nicht einmal umtauschen. Am liebsten hätte man sie überhaupt nicht bekommen.
Trotzdem glaube ich, dass es einen Unterschied macht, ob man eine schwierige Zeit durchlebt oder irgendwann anfängt, sich ausschließlich über sie zu definieren. Das eine lässt sich manchmal nicht verhindern. Beim anderen haben wir zumindest gelegentlich die Möglichkeit, etwas zu verändern. Schmerz kommt. Leid ist aber oft auch eine Entscheidung. Und dafür braucht niemand wirlich eine gewaltige Erkenntnis. Schon gar keinen Sieben-Punkte-Plan für ein glücklicheres Leben. An manchen Tagen reicht es, aufzustehen, zu duschen und einen Kaffee zu trinken. An anderen vielleicht ein Spaziergang, ein Gespräch oder irgendeine völlig bekloppte Idee, auf die man plötzlich wieder Lust bekommt.
Das Leben muss nicht vollständig repariert sein, bevor wir wieder etwas Schönes damit anfangen dürfen.
Genau das meine ich manchmal mit dem Licht. Das es ausgeht. Und dieses Lich hell zu machen bedeutet schließlich nicht, dass es keine Dunkelheit mehr geben darf. Auch muss niemand so tun, als wären sämtliche Probleme verschwunden, nur weil zwischendurch ein guter Song läuft. Die Dunkelheit existiert. Keine Frage. Aber sie muss nicht alles bekommen.
WIR KÖNNTEN ES UNS GEGENSEITIG EIN BISSCHEN HELLER MACHEN.
Eine Sache verstehe ich bis heute nicht. Warum gehen wir eigentlich so sparsam mit den schönen Worten um?
Stell dir vor, da gibt es einen Menschen, den du wirklich magst. Jemanden, bei dem du gerne bist, dessen Stimme du gerne hörst oder bei dem du dich einfach wohlfühlst. Vielleicht bist du stolz auf das, was dieser Mensch geschafft hat. Oder einfach nur so. Möglicherweise bewunderst du seine Art, durchs Leben zu gehen, oder freust dich jedes Mal, wenn sein Name auf deinem Telefon erscheint.
Warum sagen wir solche Dinge eigentlich so selten?
Stattdessen behalten wir sie für uns. Weil es gerade nicht passt. Weil es irgendwie komisch wäre. Oder weil wir davon ausgehen, dass der andere das ohnehin weiß. Vermutlich stimmt das manchmal sogar. Nur ist zwischen etwas vermuten und etwas tatsächlich hören ein ziemlich großer Unterschied. Für Geburtstage finden wir plötzlich immer die richtigen Worte. An Weihnachten werden Karten geschrieben, auf denen steht, wie wichtig uns jemand ist. Zu besonderen Anlässen halten wir Reden, in denen wir Dinge aussprechen, die wir im Alltag kaum über die Lippen bekommen. Am schlimmsten finde ich, dass Menschen gelegentlich erst auf einer Trauerfeier erfahren würden, wie viel sie anderen bedeutet haben. Wenn sie denn noch zuhören könnten.
Was für ein bescheuertes Konzept.
Dabei wäre es so einfach, zwischendurch mal etwas Nettes zu sagen. Ganz ohne Anlass. Nicht als Pflicht, sondern weil man es tatsächlich so meint. Eine Nachricht schicken, weil man gerade an jemanden denkt. Den Hörer in die Hand nehmen, ohne vorher zu wissen, was man überhaupt sagen will. Ein ehrliches Kompliment machen, sich für einen Fehler entschuldigen oder einfach mal zuhören, ohne währenddessen innerlich schon die eigene Antwort vorzubereiten. Bei manchen Menschen wäre es vermutlich schon ein guter Anfang, das Telefon während eines Gesprächs nicht alle sieben Sekunden anzuschauen.
Nähe braucht nicht immer große Worte. Eine Umarmung kann manchmal mehr sagen als eine halbe Stunde Gerede. Genauso wie dieses völlig unspektakuläre Zusammensitzen, bei dem niemand das Gefühl hat, irgendetwas Besonderes leisten zu müssen. Man darf einfach da sein. Vielleicht läuft Musik, möglicherweise sagt eine Viertelstunde lang keiner etwas. Und trotzdem ist es schön.
Ich mag solche Augenblicke.
Inzwischen glaube ich sogar, dass wir viel zu häufig nach den großen Möglichkeiten suchen, etwas zu verändern. Die Welt retten. Alles besser machen. GEile Dinge erreichen. Dabei übersehen wir, wie viel ein einzelner Mensch für einen anderen tun kann, ohne dafür gleich ein eigenes Hilfsprojekt gründen zu müssen.
Möglicherweise können wir nicht die ganze Welt verändern. Aber den Nachmittag eines Menschen.
Für den Anfang finde ich das ziemlich gut.
UND WAS IST EIGENTLICH MIT UNS SELBST?
Bei all den Gedanken darüber, was wir für andere Menschen tun könnten, sollten wir jemanden nicht vollständig vergessen.
Uns selbst.
Ich jedenfalls möchte nicht irgendwann auf mein Leben zurückgucken und feststellen, dass ich hauptsächlich damit beschäftigt war, möglichst wenig falsch zu machen. Immer vernünftig sein. Vorsichtig. Angepasst. Bloß keine Erwartungen enttäuschen, keine ungewöhnlichen Entscheidungen treffen und nach Möglichkeit alles vermeiden, worüber andere Menschen vielleicht den Kopf schütteln könnten. So kann man natürlich leben. Wahrscheinlich sogar ziemlich lange. Die Frage ist nur, ob man irgendwann überhaupt noch weiß, was man selbst eigentlich wollte.
Mit den eigenen Wünschen ist das nämlich so eine Sache. Wenn man sie nur oft genug verschiebt, werden sie irgendwann leise. Am Anfang melden sie sich noch regelmäßig. Dann immer seltener. Bis man irgendwann gar nicht mehr bemerkt, dass man etwas vermisst. Das finde ich eine ziemlich traurige Vorstellung.
Deshalb möchte ich Dinge ausprobieren. Auch solche, in denen ich vermutlich ganz hervorragend auf die Fresse fliegen werde. Irgendwo hinfahren, ohne vorher jeden Kilometer durchzuplanen. Musik hören, die eigentlich viel zu laut ist. Menschen kennenlernen, deren Namen ich heute noch nicht kenne und Gespräche führen, von denen ich morgens noch keine Ahnung hatte, dass sie stattfinden würden. Auf Konzerte gehen. Neue Orte sehen. Geschichten erleben, bei denen ich später selbst darüber lachen muss, wie beschissen der Plan eigentlich gewesen ist. Einfach mal machen, auch wenn die Erfolgsaussichten nicht besonders beeindruckend sind.
Das heißt allerdings nicht, dass ich mein Leben bis zum letzten Atemzug mit irgendwelchen Aktivitäten vollstopfen möchte.
Ganz im Gegenteil.
Mittlerweile habe ich begriffen, dass ein bewusst gelebtes Leben kein Wettbewerb darin ist, möglichst viel zu erleben. Hundert Länder bereisen, aus Flugzeugen springen, Berge besteigen und jeden einzelnen Sonnenaufgang fotografieren. Als müsste man irgendwann vor einer Prüfungskommission erscheinen und anhand seiner Erlebnisse nachweisen, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat.
„Herr Luttmann, Sie haben leider nur siebenunddreißig Länder besucht. Außerdem fehlen uns noch zwei Fallschirmsprünge. Tut uns leid, aber das war insgesamt ein beschissenes Leben.“
Völliger Schwachsinn.
Ein geiler Tag kann daraus bestehen, mit dem richtigen Menschen auf einem Sofa zu sitzen und sich über völligen Blödsinn zu unterhalten. Vielleicht ist man allein unterwegs, hört Musik und freut sich darüber, dass für ein paar Stunden niemand etwas von einem will. Ein anderes Mal trifft man endlich eine Entscheidung, vor der man sich monatelang gedrückt hat. Sogar Nichtstun kann ziemlich erfüllend sein. Vorausgesetzt, man entscheidet sich bewusst dafür, statt sich anschließend sechs Stunden lang darüber zu ärgern, dass man nichts geschafft hat. Nicht jeder schöne Augenblick braucht eine Geschichte für Instagram. Manche Momente werden wertvoller, wenn man sie nicht fotografiert. Und längst nicht jeder Tag muss etwas Besonderes bereithalten.
Es geht schließlich nicht darum, möglichst viel Leben in vierundzwanzig Stunden hineinzupressen.
Mir reicht schon der Gedanke, nicht ständig am eigenen vorbeizulaufen.
VIELLEICHT IST DAS ALLES, WORUM ES GEHT.
Niemand von uns weiß, wie viel Zeit noch bleibt. Vierzig Jahre. Zwanzig. Möglicherweise wird morgen etwas passieren, das sämtliche bisherigen Pläne über den Haufen wirft. Eine besonders beruhigende Vorstellung ist das nicht.
Allerdings muss sie das für mich inzwischen auch gar nicht mehr sein.
Viel wichtiger finde ich zu wissen, dass dieser Tag nicht beliebig oft wiederholt werden kann. Die Menschen, mit denen wir ihn verbringen, sind keine Selbstverständlichkeit. Genauso wenig wie die Möglichkeit, morgens aufzustehen, irgendwo hinzufahren, jemanden zu treffen oder etwas Neues anzufangen.
Wenn ich darüber nachdenke, wirkt vieles plötzlich weniger kompliziert.
Wir müssen gar nicht warten, bis alle Rechnungen bezahlt, alle Probleme gelöst und die nächsten fünf Jahre ordentlich geplant sind, bevor wir uns erlauben dürfen, wieder glücklich zu sein. Das wäre ohnehin eine ziemlich traurige Vorstellung, denn kaum hat man ein Problem gelöst, steht ja meistens schon das nächste vor der Tür. Manchmal sogar mit Verstärkung. Wir wissen das alle, wenn wir mal ehrlich zu uns selbst sind. Trotzdem dürfen wir lachen. Uns verlieben. Pläne machen und uns auf einen Sonntag freuen. Irgendwo hinfahren, weil wir Hirsch haben, nicht nur Bock. Einen schönen Himmel ansehen. Eine Entscheidung treffen, obwohl wir nicht wissen, ob sie richtig sein wird.
Fehler gehören dazu. Manche werden uns noch Jahre später beschäftigen. Andere führen uns auf Umwegen ausgerechnet dorthin, wo wir eigentlich schon lange hinwollten. Wahrscheinlich werden wir Menschen kennenlernen, bei denen sich irgendwann herausstellt, dass wir besser einen großen Bogen um sie gemacht hätten. Und vermutlich begegnen uns andere erst dann, wenn wir längst nicht mehr mit ihnen gerechnet haben. Das mit den falschen Menschen und dem richtigen Timing sind übrigens keine theoretischen Überlegungen. Da könnte ich sogar Erfahrungswerte beisteuern.
Nur möchte ich mich davon nicht dauerhaft abschrecken lassen. Wer sich niemals auf etwas einlässt, kann natürlich auch nicht enttäuscht werden. Allerdings verpasst man auf diese Weise ziemlich zuverlässig eine ganze Menge schöner Dinge. Ich will weiter neugierig bleiben. Auf Menschen, auf Orte, auf dieses seltsame Leben, das manchmal innerhalb weniger Stunden von vollkommen beschissen zu überraschend großartig wechseln kann. Dabei werde ich vermutlich noch häufiger auf die Fresse fliegen, mich verlaufen und Entscheidungen treffen, über die andere den Kopf schütteln. Kein Ding. Sollen sie ruhig.
Dafür werde ich hoffentlich auch noch verdammt viel lachen. Mich auf Dinge freuen, die noch Monate entfernt sind. Menschen lieben und erleben, dass diese Liebe erwidert wird. Abends irgendwo sitzen und feststellen, dass aus einem völlig gewöhnlichen Tag einer geworden ist, an den ich mich noch lange erinnern werde. Vor allem aber wünsche ich mir, eines Tages auf eine schwierige Zeit zurückblicken zu können und zu merken, dass danach noch unglaublich viele schöne Dinge passiert sind. Begegnungen, die ich damals nicht vorhersehen konnte. Reisen, die noch gar nicht geplant waren. Gespräche, die etwas verändert haben. Menschen, von deren Existenz ich nichts wusste und die irgendwann trotzdem einen festen Platz in meinem Leben bekommen haben. Vielleicht sogar ein paar Dinge, die so gut werden, dass ich mich hinterher frage, warum ich sie nicht schon viel früher ausprobiert habe.
Und wenn nicht alles klappt?
Dann eben nicht. Arschlecken. Das macht die schönen Erfahrungen nicht weniger wertvoll. Was ich mir allerdings wirklich wünsche, ist, am Ende mehr Geschichten erzählen zu können als Ausreden. Nicht weil mein Leben besonders aufregend gewesen sein muss. Sondern weil ich wenigstens versucht haben möchte, etwas Eigenes daraus zu machen. Mit meinen Entscheidungen. Meinen Fehlern. Meinem manchmal reichlich beschissenen Orientierungssinn und diesen Ideen, bei denen vernünftige Menschen vermutlich erst einmal fragen würden, ob ich noch ganz sauber ticke.
Ey. Ich kenne das Datum nicht, an dem für mich das Licht ausgeht. Keine Ahnung, was bis dahin noch passieren wird. Vielleicht wartet irgendwo noch eine ganze Menge schöner Jahre auf mich. Möglicherweise wird manches ganz anders, als ich es mir heute vorstelle. Was ich aber nicht möchte, ist, diese Zeit ausschließlich damit zu verbringen, auf bessere Tage zu hoffen. Punkt. Ein bisschen möchte ich schon selbst dafür sorgen, dass sie besser werden.
Das wird nicht jeden Tag funktionieren. An manchen Morgen werde ich schlechte Laune haben, keine vernünftige Idee zustande bringen und möglicherweise schon vor dem ersten Kaffee von der Menschheit genervt sein. Andere Tage werden überhaupt nichts Geiles bereithalten. Und gelegentlich wird das Leben vermutlich wieder mit voller Wucht gegen irgendeine Tür treten, hinter der ich gerade versuche, es mir gemütlich zu machen.
Auch das gehört dazu.
Entscheidend ist für mich inzwischen, dass ich mich davon nicht mehr grundsätzlich abhalten lassen möchte, weiterzuleben. Mit allem, was dazugehört. Der Freude, der Unsicherheit, den Menschen, die bleiben wollen und den Erinnerungen an diejenigen, die gegangen sind. Wenn irgendwann tatsächlich dieser letzte Augenblick kommt, möchte ich nicht hauptsächlich darüber nachdenken müssen, wie mein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn ich mich häufiger getraut hätte.
Lieber würde ich zurückgucken und mich an all die völlig unterschiedlichen Dinge erinnern, die es ausgemacht haben. An wunderschöne Nachmittage, lange Zugfahrten, Konzerte, Gespräche und Umarmungen. An Tage, an denen ich keine Ahnung hatte, wie es weitergehen sollte und an solche, an denen ich vor lauter Vorfreude kaum stillsitzen konnte. An Menschen, die mich begleitet haben. An Abschiede, Neuanfänge und die eine oder andere Geschichte, die vermutlich selbst dann noch lustig wäre, wenn ich sie zum zehnten Mal erzähle. Wunschdenken. Wahrscheinlich würde ich dann eher nerven, aber auch das wäre mir scheißegal. Aber es wäre schön, wenn ich dabei lächeln könnte. Nicht weil immer alles gut gewesen ist. Das war es nicht. Sondern weil ich trotz allem verdammt viel Schönes erlebt habe. Weil ich geliebt, gelacht, geweint, gezweifelt, mich geirrt und wieder neu angefangen habe.
Weil ich irgendwann aufgehört habe, mein Leben wie eine Generalprobe zu behandeln.
Und weil ich sagen könnte: Scheiße. Das war nicht immer einfach. Aber es war meins. Und ich habe es gelebt.
Vor ein paar Tagen saß ich also auf meinem Bett und starrte auf dieses kleine leuchtende Ding. Ein paar Sekunden Video haben gereicht, um mich daran zu erinnern, wie schnell aus einem ganz gewöhnlichen Augenblick der letzte werden kann. Vermutlich werde ich trotzdem wieder irgendeinen Abend damit verbringen, vollkommen sinnlos durch Instagram zu scrollen. Ich kenne mich ja. Außerdem muss man nicht aus jeder Erkenntnis gleich ein neues Lebenskonzept basteln.
Aber eines möchte ich mir merken.
Solange das Licht noch brennt, gibt es Menschen, denen ich etwas sagen kann. Orte, an die ich fahren möchte. Dinge, die ich ausprobieren will. Und wahrscheinlich eine ganze Menge guter Nachmittage, von denen ich heute noch überhaupt nichts ahne.
Fuck ey.
Irgendwann geht das Licht aus.
Aber bis dahin machen wir es hell.

