Blog / Gedanken & Alltag / Eintrag #016

WANN HABEN WIR EIGENTLICH AUFGEHÖRT, UNS ZU LANGWEILEN?

Wir haben die ganze Welt in der Hosentasche. Aber fünf Minuten ohne Beschäftigung? Eine Zumutung.

Datum 03. November 2026
Ort Etelsen
Status Sortiert
Ausrede Keine

Bushaltestellen. Bahnhöfe. Supermarktschlangen. Überall warten Menschen. Und nun stell dir mal vor, du stehst an einer Haltestelle. Der Bus kommt in sieben Minuten. Echt keine Ewigkeit. Man könnte den Autos hinterhergucken, Leute beobachten, überlegen, was es abends zu essen gibt. Ein bisschen vor sich hin denken. Oder ausnahmsweise mal gar nichts denken. Aber nee. Sieben Minuten. Ein ausgewachsenes Unterhaltungsloch. Das muss natürlich sofort gestopft werden. Also Handy raus, Instagram auf. Im ersten Video fährt ein Hund Skateboard. Natürlich KI. Die künstlich erzeugte Scheiße nimmt inzwischen gefühlt das halbe Internet ein. Im nächsten erklärt dir jemand, warum du dein bisheriges Leben komplett falsch geführt hast. Danach brüllt ein Mann seine Heißluftfritteuse an. Du wischst weiter. Noch nicht mal eine Minute vorbei. Ein Nachrichtenartikel taucht auf, irgendwer hat irgendwas gesagt, und in den Kommentaren läuft bereits der dritte Weltkrieg im Buchstabenformat. Du kennst weder den Typen noch den Zusammenhang, bist aber trotzdem kurz versucht, mitzumachen. Dann koreanische Nudeln, ein Wohnmobil in Norwegen und ein Mann, der mit dem Hochdruckreiniger eine völlig versiffte Terrasse bearbeitet. Das Wohnmobil wäre schon ziemlich geil. Eine Terrasse hast du nicht. Koreanische Nudeln wirst du heute vermutlich auch nicht kochen. Aber immerhin keine Sekunde Langeweile.

Oder vielleicht doch?

FRÜHER WAR LANGEWEILE EINFACH LANGEWEILE.

Ich bin 1981 geboren. Damit gehöre ich noch zu den Menschen, die wissen, was es bedeutete, wenn im Fernsehen wirklich nichts lief. Nicht dieses heutige „Ich habe sechs Streamingdienste, aber finde nichts“, sondern tatsächlich nichts. Gar nichts. Testbild. Sendeschluss. Feierabend. Klappe zu. Affe tot. Wenn wir Freunde besuchen wollten, liefen oder fuhren wir zu ihnen und klingelten. War keiner da, war keiner da. Dann ging es wieder nach Hause. Ohne Standort, ohne WhatsApp und ohne eine halbe Stunde lang auf zwei beschissene blaue Häkchen zu starren. Und manchmal war uns langweilig. Nicht so ein bisschen. Richtig langweilig.

Dann saß man auf dem Bett, guckte aus dem Fenster und blätterte zum fünften Mal durch dieselbe Bravo. Man hörte eine Kassette, deren Lieder man längst auswendig kannte und wusste, an welcher Stelle der Moderator wegen der beschissenen Warnmeldung mitten in den Song grätschte oder lag auf dem Teppich und überlegte, ob sich das Aufstehen heute überhaupt noch lohnt. Dann ging man raus. Nicht, weil man irgendeinen geilen Plan hatte, sondern weil drinnen nichts mehr passierte. Draußen traf man vielleicht jemanden, fuhr mit dem Fahrrad irgendwohin oder baute irgendeinen Scheiß, den man später seinen Eltern erklären musste. Und manchmal war draußen allerdings genauso wenig los. Das war nicht jeden Nachmittag ein Abenteuerfilm mit uns in der Hauptrolle.

Und bevor jetzt jemand meint, ich würde jammern und die gute, alte Zeit in den Himmel loben.  Nee Kasismir. Früher war längst nicht alles besser. Vieles war umständlicher. Echt auch langsamer. Komplizierter und stellenweise ziemlich bescheuert. Vieles davon will ich wirklich nicht zurückhaben. Aber diesen einen Unterschied gab es einfach. Wenn Langeweile auftauchte, mussten wir irgendwie mit ihr klarkommen. Heute kann man innerhalb von zwei Sekunden über sie hinwegwischen. Jedenfalls glauben wir das. So richtig scheint die Rechnung nämlich nicht aufzugehen.

WIR HABEN EIN PROBLEM.
UND ES IST NICHT DIE LANGEWEILE.

Es ist ja nicht so, dass uns heute irgendwie Beschäftigung fehlen würde. Vergiss es Kasimir. Wir können zu jeder Tageszeit nahezu jeden Film gucken. Wir können Bücher lesen. Musik hören. Spiele spielen. Nachrichten verfolgen und Menschen auf der anderen Seite des Planeten dabei zusehen, wie sie ihren Kühlschrank einräumen. Voll gut. Ich bin mir sicher, es gibt Videos darüber, wie man seine Schuhe richtig bindet. Podcasts über die Geschichte des Römischen Reiches. Dokumentationen über Tiefseefische, von denen noch nie jemand gehört hat und für die sich auch kaum jemand interessiert. Und irgendwo sitzt garantiert gerade ein Mensch vor einer Kamera und erklärt, warum man morgens als Erstes ein Glas lauwarmes Wasser trinken sollte.

Wir haben so viel Unterhaltung zur Verfügung wie keine Generation vor uns.
So nämlich.

Und trotzdem scheint es mir mitunter so, als hätten wir zunehmend Schwierigkeiten damit, einfach mal nichts zu tun. Das ist übrigens nicht nur mein Eindruck. Die Psychologen Katy Tam und Michael Inzlicht haben sich 2024 in einem wissenschaftlichen Beitrag [1] mit einem bemerkenswerten Widerspruch beschäftigt. Ausgerechnet im digitalen Zeitalter, in dem Unterhaltung jederzeit und fast überall verfügbar ist, berichten Menschen zunehmend von Langeweile. Die beiden diskutieren mehrere mögliche Ursachen.

Digitale Medien können unsere Aufmerksamkeit zerstückeln, unsere Erwartungen an Unterhaltung erhöhen und dafür sorgen, dass uns gewöhnliche Beschäftigungen irgendwann nicht mehr ausreichend interessant erscheinen. Besonders spannend finde ich daran, dass die Ablenkung selbst offenbar Teil des Problems sein kann. Wir greifen zum Handy, weil uns langweilig ist. Und möglicherweise sorgt genau dieses Verhalten dafür, dass wir uns anschließend noch schneller langweilen. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, seinen Durst mit Salzwasser zu löschen. Nur dass das Salzwasser uns zwischendurch Katzenvideos zeigt.

WENN SELBST DAS VIDEO ZU LANGWEILIG WIRD.

2024 erschien eine weitere Untersuchung, die ziemlich gut zu diesem Phänomen passt. In sieben Experimenten mit insgesamt 1.223 Teilnehmenden untersuchten Forschende, was passiert, wenn Menschen zwischen digitalen Videos hin- und herspringen oder ständig vorspulen. [2] Die Ergebnisse waren schon irgendwie krass. Das Wechseln sollte eigentlich gegen Langeweile helfen. Am Arsch. Es führte in mehreren Experimenten sogar zum Gegenteil. Die Teilnehmenden langweilten sich stärker. Außerdem berichteten sie von weniger Zufriedenheit und geringerer Aufmerksamkeit. Und irgendwie kann ich das nachvollziehen.

Die Ergebnisse waren natürlich nicht in allen untersuchten Situationen gleich eindeutig. Aber sie zeigen einen interessanten Mechanismus. Wir suchen etwas, das uns beschäftigt und nehmen uns gleichzeitig immer weniger Zeit, uns tatsächlich damit zu beschäftigen. Was ich meine? Ein Video dauert vier Minuten? Nee. Zu lang. Ein Lied hat ein Intro? Überspringen. Ein Film beginnt mit einer ruhigen Szene? Mal gucken, was nebenbei auf Instagram los ist. Wir wollen unterhalten werden. Aber bitte sofort. Und möglichst ohne die beschissene Notwendigkeit, uns wirklich voll auf irgendwas einzulassen. Manchmal frage ich mich schon, wie viele geile Filme, Bücher und Lieder heute daran scheitern würden, dass sie nicht innerhalb der ersten fünf Sekunden irgendetwas Spektakuläres veranstalten. Wobei ich mich dabei natürlich nicht rausnehmen möchte. Ich kann mich über Menschen lustig machen, die beim Fernsehen auf ihr Handy glotzem. Und dann stelle ich aber fest, dass ich selbst gerade mein Telefon in der Hand halte, obwohl ich eigentlich einen Film sehen wollte. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht wollte ich nur kurz schauen, wie spät es ist.

Fuck. Das war vor zwanzig Minuten

FÜNFZEHN MINUTEN MIT SICH SELBST.
EINE ZIEMLICH BESCHISSENE VORSTELLUNG.

Besonders krass wird es bei einer Untersuchung aus dem Jahr 2014. Der Psychologe Timothy Wilson und seine Kollegen wollten herausfinden, wie Menschen damit zurechtkommen, wenn sie für kurze Zeit allein mit ihren Gedanken bleiben sollen. Dazu führten sie mehrere Experimente durch. Die Teilnehmenden sollten zwischen sechs und fünfzehn Minuten ohne äußere Beschäftigung verbringen. Also Kein Handy, kein Buch und keine Musik. Einfach dasitzen und nachdenken. Eigentlich keine besonders schwierige Aufgabe. Sollte man meinen. Viele Teilnehmende fanden die Situation allerdings ziemlich scheiße. Und in einem Teil der Untersuchungen gingen einige sogar so weit, sich lieber selbst einen elektrischen Schlag zu geben, als weiterhin ohne Beschäftigung dazusitzen. [3] Einige. Lange nicht alle. Trotzdem. Man muss sich das wirklich mal vorstellen. Da sitzt ein Mensch in einem Raum. Niemand will oder verlangt etwas von ihm. Keine Termine. Keine Rechnungen. Keine beruflichen Verpflichtungen. Er soll einfach nur eine Viertelstunde seine Ruhe haben. Und dann denkt er sich offenbar: Ein kleiner Stromschlag wäre jetzt auch nicht schlecht.

Natürlich lässt sich aus solchen Experimenten nicht ableiten, dass grundsätzlich niemand mehr mit seinen Gedanken allein sein kann. Oder will. Und die Untersuchung stammt aus einer Zeit, in der Smartphones längst existierten. Aber sie zeigt, wie beschissen reines Nixtun für Menschen sein kann.

ABER WAS IST AN LANGEWEILE EIGENTLICH SO SCHLIMM?

Das Interessante ist doch, dass Langeweile zunächst einmal überhaupt nichts Dramatisches ist. Sie kann unangenehm sein. Manchmal nervig. Beschissen. Und wenn sie dauerhaft zum Lebensgefühl wird, kann sie dich auch kaputt machen. Aber die kurze Langeweile zwischendurch? Die könnte uns auch was mitteilen. Vielleicht, dass uns eine Beschäftigung nicht interessiert. Dass wir etwas anderes brauchen. Dass wir gerade keine Lust mehr auf das haben, was wir tun.

Oder dass wir einfach mal eine Pause vertragen könnten.

Es gibt die verbreitete Vorstellung, Langeweile würde automatisch kreativ machen. Dass die besten Ideen entstehen, wenn wir nur lange genug an die Decke starren. Hab ich ausprobiert. Und ich glaub, sooo einfach ist es wissenschaftlich eben nicht. Eine Forschungsübersicht aus dem Jahr 2024 [4] fand sowohl positive als auch negative und uneindeutige Zusammenhänge zwischen Langeweile und Kreativität. Ein allgemeiner Beweis dafür, dass Langeweile Menschen kreativer macht, lässt sich daraus nicht ableiten. Und trotzdem kennen vermutlich viele dieses Phänomen.

Du stehst unter der Dusche und plötzlich fällt dir eine Antwort ein, worüber du vorher stundenlang nachgedacht hast. Du gehst spazieren und findest mitten auf einem völlig gewöhnlichen Weg eine Lösung für ein Problem. Oder du sitzt im Zug, schaust aus dem Fenster und irgendwann entsteht ein Gedanke, den du am Schreibtisch vergeblich gesucht hast.

Das muss nicht daran liegen, dass Langeweile irgendeine geheimnisvolle Superkraft besitzt. Vielleicht liegt es manchmal einfach daran, dass wir unserem Kopf Gelegenheit geben, Gedanken zu Ende zu denken. Ohne alle dreißig Sekunden einen neuen dazwischenzuwerfen.

WIR HABEN SOGAR AUS DEM NICHTSTUN EINE AUFGABE GEMACHT.

Was ich an der ganzen Sache besonders lustig finde, ist unser Umgang mit Ruhe. Inzwischen gibt es nämlich unzählige Bücher, Videos, Podcasts und Kurse darüber, wie man lernt, einfach mal nichts zu tun. Menschen bezahlen Geld dafür, dass ihnen jemand erklärt, wie sie entspannen sollen. Es gibt Meditationsapps, Entspannungsmusik, Achtsamkeitsübungen und digitale Programme, mit denen man seine Bildschirmzeit reduzieren kann.

Echt jetzt. Denk mal drüber nach, wir benutzen also teilweise unser Smartphone, um uns dabei helfen zu lassen, unser Smartphone weniger zu benutzen. Das muss man auch erst einmal hinbekommen.

Und natürlich soll selbst die Ruhe möglichst etwas bringen. Mehr Konzentration. Besseren Schlaf. Höhere Produktivität. Mehr Kreativität. Aber einfach nur herumsitzen, weil man gerade herumsitzen möchte? Echt jetzt? Ich bitte dich. Das geht gar nicht. Völlig unzureichend. Nein, nein, nein, Karina. Das muss schon irgendeinen messbaren Nutzen haben. Sonst könnte man die Zeit ja genauso gut damit verbringen, etwas Sinnvolles zu erledigen.

Ich finde, darin steckt ein ziemlich schöner Widerspruch. Wir sehnen uns nach Ruhe und versuchen gleichzeitig, sie in ein weiteres Projekt zu verwandeln.

VIELLEICHT MUSS NICHT JEDE MINUTE GEFÜLLT WERDEN.

Vergiss es. Ich werde an dieser Stelle jetzt keine sieben Tipps aufschreiben, mit denen du lernst, dich wieder richtig zu langweilen. Dafür gibt es sicherlich bereits irgendeinen beschissenen Onlinekurs. Und ich werde auch nicht behaupten, dass Smartphones grundsätzlich scheiße sind. Ich mag mein Telefon. Ich mag die Musik darauf. Die Fotos, meine Nachrichten und die Möglichkeit, mit Menschen, die ich wirklich gut finde in Kontakt zu bleiben.

Ich finde es großartig, dass wir heute so viele Dinge machen können, die früher kaum möglich gewesen wären. Und das Problem ist für mich auch nicht die Unterhaltung. Es ist wahrscheinlich eher die Selbstverständlichkeit, mit der wir jede noch so kleine Lücke damit füllen. Die drei Minuten, bis der Kaffee fertig ist. Die Wartezeit an der Kasse. Der Moment, in dem jemand kurz zur Toilette geht und wir allein am Tisch sitzen. Oder aufm Klo. Sofort die Hand in die Tasche. Dabei muss doch eigentlich gar nichts passieren.Man könnte den Kaffee einfach durchlaufen lassen. Man könnte an der Kasse warten. Man könnte allein am Tisch sitzen und beobachten, was um einen herum passiert oder in Ruhe kac… Lassen wir das. Naja. Vielleicht würde einem etwas auffallen. Vielleicht käme einem eine Idee. Oder man würde sich einfach nur langweilen. Und dann? Nichts.

Genau das ist ja der Punkt.

UND JETZT?

Vielleicht ist die eigentliche Frage ja gar nicht mal, wann wir aufgehört haben, uns zu langweilen. Wahrscheinlich haben wir das nämlich überhaupt nicht. Wir langweilen uns ja immer noch. Wir haben nur gelernt, dieses Gefühl möglichst schnell mit irgendetwas zuzuschütten. Mit Videos bzw. Reels oder Tiktoks. Nachrichten. Musik. Kommentaren. Irgendeinem beschissenen Quatsch, den wir fünf Minuten später eh wieder vergessen haben. Und ich frage mich, wie viele kleine Gedanken dabei verloren gehen. Jetzt nicht die großen weltverändernden Ideen. Sondern die anderen.

Die seltsamen oder bescheuerten Einfälle. Die Erinnerungen, die plötzlich auftauchen. Die Fragen, auf die wir noch keine Antwort haben. Die Lust, etwas auszuprobieren, ohne vorher zu wissen, ob es sich lohnt. Vielleicht brauchen solche Dinge gelegentlich ein bisschen Platz. Einen Augenblick, in dem gerade nichts anderes um unsere Aufmerksamkeit kämpft. Und deshalb wäre es vielleicht gar nicht schlecht, beim nächsten Mal an der Bushaltestelle das Handy einfach in der Tasche zu lassen.

Sieben Minuten. Einfach dasitzen. Den Autos hinterher gucken. Keine Ahnung. Leute beobachten. Überlegen, was es abends zu essen geben könnte. Ein bisschen vor sich hin denken. Oder ausnahmsweise mal gar nichts denken. Und wenn einem dann langweilig wird?

Dann ist einem eben langweilig.

NICHT IRGENDWANN / RECHERCHE

NICHT AUS DER LUFT GEGRIFFEN.

Die Gedanken in diesem Artikel haben auch eine wissenschaftliche Grundlage. Hier findest du die Studien und weiterführende Forschung.

  1. People are increasingly bored in our digital age

    Tam & Inzlicht · 2014

    Communications Psychology

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  2. Fast-forward to boredom: How switching behavior on digital media makes people more bored.

    Tam, K. Y. Y. et al. · 2024

    Journal of Experimental Psychology: General.

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  3. Just think: The challenges of the disengaged mind. Science.

    Wilson, T. D. et al. · 2014

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  4. The association between boredom and creativity in educational contexts: A scoping review.

    Zeißig, A. et al. · 2024

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