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Gut drei Tage Wald.

Datum 02. November 2026
Ort Etelsen
Status Angekommen
Ausrede Keine

Der Zug zurück von Osnabrück nach Bremen war brechend voll. Und mit brechend voll mein ich nicht dieses „Ach, heute ist aber viel los“, bei dem man sich noch gemütlich einen Platz am Fenster suchen kann. Nee Rüdiger. Ich stand im Eingangsbereich. Irgendwo zwischen Tür, Gepäck und Menschen, die ganz sicher genauso wenig Bock auf diese Fahrt hatten wie ich. Es ging nichts mehr. Kein Vor. Kein Zurück. Wenn sich jemand bewegen wollte, mussten mindestens fünf andere Menschen mitmachen. Eine Art unfreiwilliger Gruppensport, für den sich wahrscheinlich niemand freiwillig angemeldet hätte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass immer mehr Menschen mit der Bahn fahren. Vielleicht liegt es an den Spritpreisen. Vielleicht an einem wachsenden Umweltbewusstsein. (Nee. Spritpreise.) Vielleicht haben auch einfach alle gleichzeitig beschlossen, dass sie unbedingt nach Bremen müssen. Keine Ahnung. Grundsätzlich finde ich es ja ziemlich geil, wenn mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Weniger Autos, weniger Abgase, weniger von diesem täglichen Wahnsinn auf unseren Straßen. Kann ich alles unterschreiben.

Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt gute drei Tage allein im Wald verbracht. Ohne richtige Dusche. Mit Kaminfeuergeruch in den Klamotten. Dreck an den Schuhen und einer Körperpflege, die sich irgendwo zwischen feuchtem Waschlappen und optimistischer Selbstüberschätzung bewegte. Ich war also nicht unbedingt der Mensch, neben dem man sich auf einer längeren Zugfahrt freiwillig einen Platz reservieren würde. Zumindest glaubte ich das. Vielleicht roch ich auch überhaupt nicht so schlimm. Vielleicht war es nur mein Kopf, der mir einredete, dass ich nach drei Tagen Wald ungefähr dieselbe gesellschaftliche Akzeptanz besaß wie ein vergessener Biomüllbeutel im Hochsommer. Was weiß ich denn. Egal.

Während ich da stand und darauf wartete, dass sich dieser menschliche Knoten nach und nach wieder auflösen würde, musste ich daran denken, wie unterschiedlich wir eigentlich Gefahren wahrnehmen. Denn wenn ich etwas aus diesen drei Tagen mitgenommen habe, dann die Erkenntnis, dass ich mich nachts allein im Wald deutlich wohler gefühlt habe als auf so manchem Bahnhof. Und das ist schon ein bisschen verrückt. Schließlich erzählen wir uns seit unserer Kindheit Geschichten darüber, was nachts alles im Wald lauert. Wölfe, Wildschweine, irgendwelche finsteren Gestalten und natürlich mindestens ein Serienmörder, der seit 1987 hinter einer Buche sitzt und darauf wartet, dass endlich jemand vorbeikommt. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, nachts irgendwo mitten im Wald einem Menschen zu begegnen, der einem ans Leder will, vermutlich verschwindend gering. Jedenfalls deutlich geringer, als es einem die eigene Fantasie manchmal verkaufen möchte. Ich wollte das sogar genauer wissen und habe ChatGPT gefragt, wie wahrscheinlich es eigentlich sei, nachts allein im Wald ermordet zu werden. Die Antwort lautete sinngemäß: „Extrem gering, aber statistisch nicht exakt berechenbar.“

Ich musste lachen. Typisch KI. Nicht einmal beim Alleinsein im Wald gönnt sie einem eine glatte Null. Immer muss noch irgendeine theoretische Restwahrscheinlichkeit übrig bleiben. Wahrscheinlich würde sie mir selbst dann noch erklären, dass ein Meteoriteneinschlag nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, wenn ich nur wissen möchte, ob ich gefahrlos meinen Kaffee trinken darf. Wobei recht hätte sie ja. Selbst während ich hier tippe, könnte rein theoretisch… Egal. Drauf geschissen.

Vielleicht einigen wir uns einfach darauf, dass manche Gefahren in unserem Kopf deutlich größer werden, als sie draußen tatsächlich sind. Nicht immer. Natürlich gibt es echte Risiken und ein Wildschwein mit beschissener Laune ist jetzt auch nicht unbedingt der ideale Gesprächspartner für einen nächtlichen Spaziergang. Aber unser Gehirn hat offenbar eine bemerkenswerte Begabung dafür, aus ein paar unbekannten Geräuschen eine komplette Horrorgeschichte zu basteln. Ich will ja zugeben, dass ich vor meiner Anreise durchaus ein mulmiges Gefühl hatte. Nicht wegen des Waldes an sich. Ich mag Wälder. Ich bin gerne draußen, fotografiere, beobachte Tiere und kann mich ziemlich lange damit beschäftigen, irgendwelchen Vögeln zuzusehen, die vermutlich überhaupt keine Ahnung davon haben, dass ich gerade versuche, ein halbwegs vernünftiges Foto von ihnen zu machen. Aber nachts war ich noch nie wirklich allein in einem so großen Wald. Jedenfalls nicht über mehrere Tage und mit der Gewissheit, dass da jetzt auch niemand mehr vorbeikommt, um mir eine gute Nacht zu wünschen.

Dann wurde es dunkel.

Ende Oktober passiert das bekanntlich ziemlich früh. Das Licht verschwindet zwischen den Bäumen, die Konturen lösen sich langsam auf und dann kannst du kaum noch unterscheiden, wo ein Baum aufhört und der nächste anfängt. Der Wald verändert sich. Geräusche, die tagsüber völlig ähh easy erscheinen, bekommen plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Ein Knacken im Unterholz. Raschelndes Laub. Irgendwo ein Vogel, der offenbar ebenfalls noch nicht schlafen wollte. Oder ne Maus oder so. Ne Ratte. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass genau dann dieses mulmige Gefühl zurückkommen würde. Dass ich vielleicht doch häufiger über meine Schulter schaue oder bei jedem Geräusch darüber nachdenke, ob ich die Tür des Bauwagens lieber abschließen sollte. Aber nichts davon passierte.

Stattdessen saß ich auf der kleinen Terrasse des Bauwagens, zog den Pullover etwas enger und schaute nach oben. Durch die kahler werdenden Äste konnte ich die Sterne sehen. Nicht dieses vereinzelte Gefunkel, das man zwischen Straßenlaternen und beleuchteten Fenstern gerade noch erahnen kann. Nee. Richtig geil. Einen richtigen Sternenhimmel. Und ich weiß noch, dass ich irgendwann dachte: Leck mich am Arsch. Ist das schön hier.

Es war kalt. Okay. Richtig kalt sogar. Kein Minuskalt, aber trotzdem. Die Luft zog langsam durch meinen Pullover und meine Hände verschwanden immer wieder in den Ärmeln. Aus dem Unterholz kamen Geräusche. Kleine Bewegungen, vermutlich Mäuse, vielleicht Vögel. Irgendwo knackte ein Ast. Rehe waren ebenfalls unterwegs und weiter entfernt hörte ich hin und wieder dieses merkwürdige Klagen oder Quieken von Wildschweinen. Vielleicht gab es irgendwelche Revierstreitigkeiten. Vielleicht hatte sich eines verletzt. Vielleicht führten die auch einfach eine Diskussion darüber, wem die letzten Eicheln gehören. Keine Ahnung. Ich bin weder Wildschweinpsychologe noch hatte ich vor, mitten in der Nacht dahin zu latschen und nachzusehen.

Im Bauwagen knisterte das Feuer im kleinen Ofen. Ein paar Teelichter brannten und warfen ihr Licht auf die wamren Wände aus Holz. Draußen war es dunkel und kalt, drinnen angenehm warm. Ich hatte mir ein paar Plätzchen mitgebracht, die ich auf der Terrasse aß, während ich weiter in den Wald guckte. Und genau in diesem Moment fiel mir auf, wie unglaublich bescheuert es eigentlich gewesen war, mir nichts richtig Geiles zu trinken einzupacken. Irgendeinen guten Wein vielleicht. Oder etwas anderes, das zu einem kalten Oktoberabend vor einem knisternden Ofen passt. Stattdessen saß ich da mit meinen Plätzchen und musste feststellen, dass meine Vorbereitung auf drei Tage Einsamkeit zwar durchaus funktional, kulinarisch aber noch ausbaufähig war. Nun ja. Man kann eben nicht an alles denken.

Was mich an diesem Abend allerdings viel mehr überraschte, war die Tatsache, dass ich überhaupt keine Angst hatte. Nicht einmal dieses unterschwellige, das ich vorher erwartet hatte. Ich fühlte mich wohl. Verdammt wohl sogar. Als hätte ich schon hundertmal dort gesessen und als wäre es das Normalste der Welt, allein irgendwo im Arnsberger Wald in einem Bauwagen zu übernachten. Und vielleicht war genau das der Moment, in dem ich zum ersten Mal seit längerer Zeit wirklich nichts wollte.

Ich wollte nirgendwo anders sein. Ich wartete auf keine Nachricht, auf keinen Anruf und auf keine besondere Gelegenheit. Es gab nichts, was ich in diesem Augenblick lieber gemacht hätte. Kein Konzert. Keine Kneipe. Keinen Film. Überhaupt habe ich in diesen drei Tagen ein paar Dinge festgestellt, über die ich vorher wahrscheinlich schon hundertmal nachgedacht hatte. Nichts Weltbewegendes. Keine Erleuchtung. Ich bin auch nicht als völlig neuer Mensch aus diesem Wald marschiert, habe meine gesamte Vergangenheit hinter mir gelassen und beschlossen, ab sofort nur noch von Sonnenlicht und selbst gesammelten Pilzen zu leben.

Am Arsch.

Es waren eher kleine Erkenntnisse, die einem im Alltag immer wieder begegnen, die man aber meistens genauso schnell wieder vergisst. Weil das Handy klingelt. Weil irgendein Termin ansteht. Weil man noch einkaufen muss, irgendwohin fahren oder sich einredet, dass man seine freie Zeit gefälligst vernünftig nutzen sollte. Und genau damit fängt der ganze Blödsinn eigentlich schon an.

Wir haben offenbar irgendwann beschlossen, dass Zeit möglichst sinnvoll genutzt werden muss. Dass ein guter Tag daran gemessen wird, was wir erledigt, geschaffen, erreicht oder wenigstens erlebt haben. Selbst unsere Freizeit behandeln wir manchmal wie eine verdammte Aufgabenliste. Ausschlafen? Klar. Aber bloss nicht zu lange. Sport machen, weil es gesund ist. Freunde treffen, weil soziale Kontakte wichtig sind. Spazieren gehen, weil Bewegung guttut. Ein Buch lesen, weil man schließlich auch mal etwas für den Kopf tun muss. Und wenn wir dann tatsächlich einmal auf dem Sofa sitzen und nichts machen, meldet sich irgendwann dieses kleine Arschloch im Hinterkopf und fragt, ob wir unsere Zeit nicht vielleicht etwas sinnvoller verbringen könnten.

Als wäre Nichtstun irgendeine Form von persönlichem Versagen. Im Wald gab es das nicht. Oder genauer gesagt, es verschwand ziemlich schnell. Ich hatte keine Termine. Keinen Kalender und keine Verpflichtungen. Niemand wollte etwas von mir. Niemand erwartete eine Antwort innerhalb der nächsten zehn Minuten. Ich musste nicht erreichbar sein und hatte auch überhaupt keine Lust darauf. Das Internet funktionierte ohnehin nur eingeschränkt und irgendwann war mir selbst das scheißegal.

Ich stand morgens auf, wenn ich wach wurde. Setzte mich nach draußen und schaute in den Wald. Manchmal nahm ich die Kamera in die Hand. Manchmal ließ ich sie einfach liegen. Ich beobachtete Vögel, hörte den Geräuschen zu und sah dabei zu, wie sich das Licht langsam zwischen den Bäumen veränderte. Und dann stellte ich fest, dass ich bestimmt schon eine halbe Stunde auf dieselben Bäume guckte. Eine halbe Stunde. Ohne Musik. Ohne Handy. Ohne Gespräch. Ohne irgendetwas zu lesen oder anzusehen. Ich saß einfach nur da und schaute in die Gegend. Und das Verrückte daran war, dass mir nicht eine einzige Sekunde langweilig gewesen war.

Ich fand das ziemlich geil.

Normalerweise bin ich jemand, der unglaublich viel denkt. Manchmal zu viel. Ich kann mich stundenlang mit irgendwelchen Gedanken beschäftigen, Situationen auseinandernehmen, Menschen verstehen wollen oder versuchen, Dinge einzuordnen, für die es vielleicht überhaupt keine vernünftige Erklärung gibt. Und meistens macht mein Kopf das nicht einmal besonders gut. Eher so, als hätte jemand sämtliche Schubladen gleichzeitig aufgezogen und anschließend beschlossen, den Inhalt auf dem Fußboden zu verteilen. Moin Hermann, viel Spaß mit dem Bums.

Im Wald war das anfangs auch so. Natürlich. Nur weil man zwischen Bäumen sitzt, stellt das Gehirn schließlich nicht automatisch seinen Betrieb ein. Ich dachte über mein Leben nach. Über Menschen, die mir wichtig sind. Über Entscheidungen, die ich getroffen habe und über Dinge, die vielleicht noch vor mir liegen. Über schöne Erinnerungen und über weniger schöne. Über alles Mögliche eben. Ich dachte darüber nach, dass ich nicht mehr in dem Ort lebe, von dem ich glaubte, dort beerdigt zu werden. Und doch musste ich diese Gedanken nicht sofort zu Ende denken.

Ich musste nichts klären. Da auch keine Entscheidung treffen. Keine Nachricht schreiben. Ich konnte einen Gedanken einfach stehen lassen und mich wieder dem Wald zuwenden. Und wenn er später noch einmal vorbeikam, dann war das eben so. Vielleicht war das für mich sogar einer der schönsten Aspekte dieser drei Tage, also dass nicht jeder Gedanke automatisch eine Handlung verlangt.

Auch mein Verhältnis zur Zeit veränderte sich. Normalerweise weiß ich ziemlich genau, welcher Wochentag gerade ist, wie spät es ungefähr sein müsste und was als Nächstes ansteht. Selbst an freien Tagen passiert es mir, dass ich schon beim Frühstück darüber nachdenke, was ich nachmittags noch alles machen könnte. Nicht unbedingt, weil ich es muss. Sondern weil ich offenbar daran gewöhnt bin, dass ein Tag irgendeine Struktur braucht, damit er sich richtig anfühlt. Im Wald war die Struktur erstaunlich überschaubar. Morgens wurde es hell. Abends wurde es dunkel. Dazwischen gab es Kaffee, etwas zu essen, ein bisschen Fotografie, Holz für den Ofen und ziemlich viel Zeit, in der überhaupt nichts passierte.

Und trotzdem waren die Tage voll. Nicht voll mit Erlebnissen, die man anschließend stolz irgendwo aufzählen könnte. Sondern voll mit Kleinigkeiten. Mit Licht, Geräuschen, Kälte, Wärme und diesem angenehmen Gefühl, gerade genau dort zu sein, wo man sein möchte.
Aber ich hatte nicht das Gefühl, jeden schönen Moment festhalten zu müssen. Manches habe ich einfach nur angeguckt. Ohne Kamera. Ohne darüber nachzudenken, ob daraus vielleicht ein schönes Bild für Instagram werden könnte. Das klingt jetzt vielleicht ziemlich selbstverständlich. Ist es aber gar nicht mehr. Wir halten mittlerweile so viel fest, dass wir manchmal vergessen, überhaupt noch richtig hinzusehen. Ein Sonnenuntergang wird fotografiert, bevor man ihn angesehen hat. Ein gutes Essen bekommt erst einmal ein Bild, bevor jemand die Gabel in die Hand nimmt. Und wenn wir irgendwo etwas besonders Schönes erleben, überlegen wir manchmal bereits währenddessen, wie wir es später anderen Menschen zeigen könnten.

Ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus. Schließlich mache ich genau das auch. Ich fotografiere, schreibe und teile Dinge. Ich mag das sogar. Aber ich fand es erstaunlich befreiend, für einen Moment nicht darüber nachdenken zu müssen, was ich mit einem Erlebnis anschließend anfangen könnte. Vielleicht darf ein schöner Augenblick auch einfach nur ein schöner Augenblick bleiben. Ohne Publikum. Ich glaub, ich kann sagen, dass ich die schönsten Fotos nicht gemacht habe.

Was mich außerdem beschäftigt hat, war die Sache mit dem Alleinsein. Denn allein zu sein wird ja gerne mit Einsamkeit verwechselt. Als wäre die Abwesenheit anderer Menschen automatisch ein Zustand, den man möglichst schnell wieder beenden muss. Dabei kann man sich mitten unter Menschen verdammt einsam fühlen. Auf einer Party, unter den falschen Menschen oder in einem voll besetzten Zug zwischen Bremen und Osnabrück. Und man kann mitten in einem riesigen Wald sitzen, kilometerweit entfernt vom nächsten vertrauten Gesicht und sich trotzdem vollkommen zufrieden und gut fühlen. Ich war da allein. Aber ich war nicht einsam.

Ich habe diese Zeit wirklich genossen. Keine Gespräche führen zu müssen. Nicht ständig erreichbar zu sein. Mich nicht erklären zu müssen. Niemandem meine Aufmerksamkeit schenken zu müssen, obwohl ich vielleicht gerade lieber meinen eigenen Gedanken nachhängen wollte. Und auch nicht dieses ständige Gefühl zu haben, dass ich irgendetwas verpasse, wenn ich gerade nicht dabei bin. Denn auch das ist ja so eine merkwürdige Angewohnheit unserer Zeit. Wir haben Angst, etwas zu verpassen. Nachrichten, Veranstaltungen, Begegnungen, Möglichkeiten. Irgendwo könnte schließlich gerade was passieren, das wichtiger, geiler oder aufregender ist als das, was wir selbst erleben. Und dann sitzen wir mit unserem Handy auf dem Sofa, gucken uns das Leben anderer Menschen an und fragen uns, warum unser eigenes gerade so unspektakulär aussieht. Vielleicht, weil wir vergessen haben, dass nicht jeder verdammte Samstag aussehen muss wie der Höhepunkt einer Netflix-Doku.

Natürlich verschwinden Probleme nicht, nur weil man für drei Tage im Wald verschwindet. Das wäre schön. Aber auch ein bisschen zu einfach. Rechnungen bleiben Rechnungen. Schwierige Entscheidungen werden nicht plötzlich leicht. Und der ganze Bums, der einem Sorgen bereitet, warteu tatsächlich ziemlich geduldig darauf, dass man wieder zurück kommt. Aber ich hatte das Gefühl, dass vieles ein Stück weiter weg rückte.

Nicht unwichtiger. Einfach weiter weg. Als würde man bei einem Foto ein paar Schritte zurückgehen und plötzlich erkennen, dass das, was vorher das gesamte Bild ausgefüllt hat, eigentlich nur ein kleiner Ausschnitt davon ist. Wahrscheinlich braucht man manchmal vielleicht genau das. Nicht unbedingt eine Lösung. Nicht noch ein Gespräch, noch einen Ratschlag oder noch eine Nacht, in der man bis drei Uhr morgens über denselben Scheiß nachdenkt. Sondern einfach ein bisschen Abstand.

Und dann waren da diese ganzen Kleinigkeiten. Zum Beispiel Kaffee am Morgen. Ich trinke gerne Kaffee. Das dürfte mittlerweile kein großes Geheimnis mehr sein. Aber wenn du morgens aus einem warmen Bauwagen nach draußen kommst, dir mit kalten Fingern eine heiße Tasse in die Hände nimmst und dabei zusiehst, wie das erste Licht zwischen den Buchen auftaucht, dann schmeckt dieser Kaffee plötzlich anders. Einfach, weil du in diesem Moment überhaupt nichts anderes brauchst. Du stehst da, wärmst dir die Hände und trinkst deinen Kaffee. Fertig.

Ich habe beobachtet, wie unterschiedlich der Wald im Laufe eines Tages aussieht. Morgens, wenn das Licht noch flach zwischen den Bäumen steht. Mittags, wenn die Farben kräftiger werden. Und abends, wenn die Schatten länger werden und der Wald langsam wieder seine Geräusche verändert. Ende Oktober hängen ja noch Blätter an den Buchen, während andere bereits aufm Boden liegen. Überall liegt dieses braune, gelbe und orangefarbene Laub, das bei jedem Schritt raschelt und manchmal so feucht ist, dass du eher darin versinkst, als darüberzulaufen. Das ist schon geil.

Auch die Geräusche waren unterschiedlich. Tagsüber hörte ich Vögel, manchmal Wind in den Bäumen und gelegentlich etwas, das sich irgendwo durch das Unterholz bewegte. Nachts wurde vieles leiser, aber niemals vollkommen still. Und irgendwann bemerkte ich, dass mich diese Geräusche nicht mehr beschäftigten. Sie gehörten einfach dazu. Vielleicht ist das überhaupt das Merkwürdigste an der Natur. Sie interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob du gerade da bist oder nicht. Kein Baum versucht, dir zu gefallen. Kein Reh hat den Anspruch, besonders fotogen durch dein Bild zu laufen. Und keinem Wildschwein ist wichtig, ob du seine nächtliche Vorstellung nun beeindruckend oder eher kacke odr gruselig findest.

Der Wald macht einfach weiter. Mit dir. Ohne dich. Und irgendwie hat das etwas unglaublich Entspannendes. Gute drei Tage lang hatte ich keinen Strom aus der Steckdose, kein fließendes Wasser und nur eingeschränkt Internet. Dinge, die für uns normalerweise so selbstverständlich geworden sind, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Wenn etwas davon zu Hause nicht funktioniert, dauert es meistens keine fünf Minuten, bis wir anfangen, uns darüber aufzuregen.

Im Wald war mir das ziemlich egal.

Natürlich wäre eine warme Dusche ganz nett gewesen. Und ein bisschen mehr Komfort hätte ich an der einen oder anderen Stelle auch nicht abgelehnt. Ich bin schließlich kein verdammter Überlebenskünstler, der sich morgens nackt mit Brennnesseln einreibt, um sich anschließend für seine besondere Verbindung zur Natur feiern zu lassen. Ich mag warme Duschen. Ich mag Strom. Ich mag geiles Essen und manchnal auch eine Heizung, die funktioniert, ohne dass ich vorher Holz nachlegen muss.

Aber ich habe gemerkt, wie wenig davon ich tatsächlich brauche, um einen richtig guten Tag zu haben.

Das bedeutet nicht, dass Besitz schlecht ist. Oder Komfort. Oder Technik. Ich finde es immer ein bisschen anstrengend, wenn Menschen nach drei Tagen in der Natur zurückkommen und plötzlich der gesamten Menschheit erklären wollen, dass wir alle viel zu materialistisch leben und unsere Smartphones am besten sofort im nächsten See versenken sollten. Nein. Danke.

Ich werde mein Handy natürlich weiterhin benutzen. Ich werde weiterhin Dinge kaufen, auf die ich Lust habe. Ich werde Konzerte besuchen, fotografieren, mit Menschen unterwegs sein und mir gelegentlich irgendeinen völlig unnötigen Scheiß gönnen, einfach weil ich Bock darauf habe. Aber vielleicht ist es ganz gut, zwischendurch zu merken, dass man auch ohne das alles zufrieden sein kann. Dass nicht ständig etwas dazukommen muss. Nicht noch ein Erlebnis. Nicht noch ein Gegenstand. Nicht noch eine Verabredung. Nicht noch ein Plan. Nicht noch irgendetwas, das uns für ein paar Minuten das Gefühl gibt, dass unser Leben gerade besonders interessant oder erfolgreich ist.

Manchmal ist längst genug da. Sagt man das so? Egal. Vielleicht bemerken wir das nur deshalb so selten, weil wir ständig damit beschäftigt sind, nach dem Nächsten zu suchen. Ich will daraus jetzt keine große Lebensphilosophie machen. Dafür bin ich ohnehin der Falsche. Ich habe weder vor, künftig jeden Morgen um fünf Uhr meditierend auf einem Baumstumpf zu sitzen, noch möchte ich irgendjemandem erklären, wie man sein Leben gefälligst zu führen hat. Und ganz sicher werde ich nicht anfangen, irgendwelche Seminare über Achtsamkeit anzubieten, bei denen erwachsene Menschen für 1.399 Euro lernen dürfen, wie man einen Baum anglotzt.

Man kann einen Baum nämlich komplett kostenlos angucken. Verrücktes Konzept. Aber vielleicht sollten wir uns tatsächlich häufiger erlauben, einfach einmal nichts zu müssen. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne die freie Zeit direkt wieder mit irgendwelchen Aufgaben vollzustopfen. Ohne uns dafür zu rechtfertigen, dass wir einen Nachmittag lang nichts Besonderes erlebt haben. Und vor allem, ohne ständig das Gefühl zu haben, dass unser Leben erst dann etwas wert ist, wenn wir möglichst viel daraus gemacht haben.

Ich glaube nämlich, dass wir da manchmal etwas ziemlich Grundsätzliches verwechseln. Wir wollen unser Leben richtig geil und versuchen deshalb, möglichst viel hineinzupacken. Mehr erleben, mehr sehen, mehr erreichen, mehr unternehmen. Und irgendwann sind selbst die schönen Dinge nur noch weitere Termine, die irgendwie zwischen all die anderen passen müssen. Dabei geht es doch eigentlich nicht darum, möglichst viel Zeit mit irgendetwas zu füllen. Sondern darum, die Zeit, die wir haben, auch tatsächlich mitzubekommen.

Ich jedenfalls habe diese drei Tage sehr bewusst erlebt. Vielleicht sogar bewusster als so manchen Tag, an dem ich von morgens bis abends unterwegs bin, zehn Dinge erledige und mich anschließend frage, wo die verdammte Zeit eigentlich geblieben ist.

Und ich würde es wieder machen.

Nicht, weil ich vor meinem Alltag flüchten muss. (Vielleicht doch ein bisschen. Manchmal.) Nicht, weil ich Menschen auf Dauer aus dem Weg gehen will. Und auch nicht, weil ich glaube, dass irgendwo zwischen Buchen und Wildschweinen die Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens herumliegt. Sondern weil es einfach schön war. Weil ich gerne dort gewesen bin. Ich fand die Kälte geil und die Wärme des Ofens, die Sterne über dem Bauwagen und diese seltsamen Geräusche aus dem Unterholz. Weil ich niemandem etwas beweisen musste. Nicht einmal mir selbst. Und weil ich mich dort, mitten im Wald, kein einziges Mal gefragt habe, ob ich meine Zeit gerade sinnvoll nutze.

Sonntag, gegen Abend war ich dann wieder zurück. Mit meinem Rucksack, meinen Fotos, dreckigen Schuhen und Klamotten, denen eine Waschmaschine vermutlich ausgesprochen guttun würde. Ich stand in diesem völlig überfüllten Zug zwischen Bremen und Osnabrück, umgeben von Menschen, Taschen, Gesprächsfetzen und dem üblichen Durcheinander, das zum Bahnfahren mittlerweile offenbar genauso dazugehört wie Verspätungen und die Hoffnung auf einen freien Sitzplatz.

Knappe drei Tage hatte ich im Wald kaum einen Menschen gesehen. Und da standen sie so dicht um mich herum, dass ich nicht einmal vernünftig meinen Rucksack absetzen konnte. Ich musste ein bisschen grinsen. Wie verrückt das doch war. Dieser Gegensatz. Drei Tage ohne große Ereignisse. Ohne besondere Abenteuer. Ohne irgendetwas, das man unbedingt erlebt haben müsste. Wahrscheinlich hätte ich in dieser Zeit eine ganze Menge sonstigen, wichtigen Kram schaffen können. Habe ich aber nicht.

Und das war ziemlich geil.