Es gibt Tage, an denen passiert einfach nichts. Sonntags zum Beispiel. Du stehst morgens auf. Machst dir einen Kaffee. Guckst aus dem Fenster. Draußen sieht es aus wie gestern. Nur mit anderen Wolken. Vielleicht regnet es. Irgendwo fährt ein Auto vorbei. Ein Nachbar geht mit seinem Hund spazieren. Die Welt dreht sich weiter. Du frühstückst. Vielleicht legst du dich aufs Sofa. Vielleicht auch nicht. Mittags überlegst du kurz, ob du noch irgendetwas unternehmen solltest. Du könntest schließlich. Das Wetter ist zwar beschissen, aber das ist nur eine Ausrede. Du hast Zeit. Und Zeit sollte man ja bekanntlich nutzen. Wofür eigentlich? Keine Ahnung. Aber irgendetwas wird dir schon einfallen. Schließlich kann man nicht einfach einen ganzen Sonntag verstreichen lassen, ohne Montags bei der Arbeit wenigstens etwas darüber erzählen zu können.
Oder?
ICH GLAUB, WIR HABEN AUS DEM LEBEN
EINE AUFGABENLISTE GEMACHT.
Schon verrückt oder? Das ich das schreibe, der sich dafür einsetzt, Ziele zu machen und diese auch zu verfolgen? Aber ich glaube mittlerweile, wir an einem gewissen Punkt angefangen, unsere Tage nach dem zu bewerten, was wir getan haben. Warst du produktiv? Hast du etwas geschafft? Etwas erlebt? Etwas gelernt? Bist du deinem großen Ziel ein Stück nähergekommen? Hast du Sport gemacht? Dich weiterentwickelt? Deine Komfortzone verlassen? Wie sieht es mit den 10.000 Schritten aus? Und überhaupt: Was hast du heute aus deinem Leben gemacht?
Als wäre jeder Morgen eine neue Prüfung, für die wir uns am Abend rechtfertigen müssen. Wir planen unsere Freizeit, optimieren unsere Routinen, zählen Schritte, sammeln Erfahrungen und versuchen, möglichst viel in die begrenzte Zeit hineinzupressen, die uns zur Verfügung steht.
Bei einigen bekommt selbst das Entspannen inzwischen einen festen Platz im Terminkalender. Von 15 bis 16 Uhr: Achtsamkeit. Sag ich mal so. Kurz die innere Mitte finden. Und um 17 Uhr bitte wieder funktionieren. Das klingt bescheuert? Ist es auch.
Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, Ziele zu haben. Ganz im Gegenteil. Ich selbst habe eine Liste mit Kram, den ich in meinem Leben machen möchte. Große Sachen. Kleine Sachen. Ja. Ich möchte etwas erleben. Unterwegs sein. Menschen kennenlernen. Dinge ausprobieren, die ich bisher immer verschoben habe. Aber ich möchte später nicht auf mein Leben zurückblicken und feststellen, dass ich vor lauter Plänen vergessen habe, zwischendurch einfach mal zu leben. Denn das wäre schon eine ziemlich beschissene Pointe.
MANCHMAL IST EINE BÄCKEREI GENUG.
Ich mag diese unspektakulären Orte. Bäckereien zum Beispiel. Diese kleinen Tische am Fenster. Menschen, die ihre Brötchen am Tresen bestellen. Ein älterer Herr, der seine Zeitung liest und dabei so konzentriert aussieht, als würde er persönlich über die Zukunft Europas entscheiden. Eine Frau, die telefoniert. Jemand bestellt einen Kaffee. Zwei junge Menschen kommen rein, die sich scheinbar gerade erst gefunden haben. Eine ziemlich alte Dame, sitzt wahrscheinlich mit ihrem Enkel am Tisch, der sich wirklich über den Erdbeerkuchen mit Extrasahne freut. Und draußen fahren Autos vorbei.
Das ist alles.
Keine großartige Geschichte. Kein außergewöhnliches Erlebnis. Kein Moment, den irgendjemand unter die schönsten zehn Augenblicke seines Lebens einsortieren würde. Und trotzdem kann es schön sein, dort zu sitzen. Einfach, weil der Kaffee warm ist. Weil man gerade nirgendwo sein muss. Draußen zieht das Leben vorbei, die Welt dreht sich ohne einen weiter und für eine halbe Stunde hat man nichts anderes zu tun, als der ganzen Aufgeregtheit dabei zuzusehen.
Dasselbe gilt für Bahnhöfe. Nicht unbedingt für die bei strömendem Regen und sieben Grad. Da hört meine Romantik tatsächlich auf. Aber für diese anderen. Wenn die Sonne ein bisschen auf das Gleis scheint. Wenn zwei Menschen miteinander reden, die sich vermutlich seit Jahren kennen. Wenn irgendwo ein Fahrrad klappert und du auf einen Zug wartest, der laut Fahrplan längst hätte kommen sollen. Manchmal ergeben sich Gespräche. Manchmal passiert überhaupt nichts. Beides ist in Ordnung.
Ich glaube, wir übersehen solche Augenblicke leicht, weil sie uns nicht besonders genug erscheinen. Dabei verbringen wir einen ziemlich großen Teil unseres Lebens genau da. Dazwischen. An unspektakulären Orten. Zwischen zwei Terminen. Zwischen den großen Ereignissen. Und vielleicht liegt unser eigentliches Problem darin, dass wir diese Zwischenräume ständig für etwas halten, das möglichst schnell vorbei gehen darf. Aber genau da steckt das Leben nunmal.
NICHT JEDER MOMENT BRAUCHT EINE GESCHICHTE.
Es gibt da noch etwas, das mir mehr und mehr auffällt. Wir erleben Dinge und denken beinahe gleichzeitig darüber nach, wie wir sie festhalten könnten. Ein schönes Licht. Ein interessantes Gebäude. Ein gutes Essen. Ein Sonnenuntergang. Zack, Das Telefon ist da.
Ein Foto. Noch eins. Vielleicht ein kurzes Video. Für eine Story. Oder ein Reel. Und ein paar Minuten später überlegen wir, welcher Song dazu passen könnte. Ich bin ja genauso. Ich fotografiere. Ich schreibe. Ich erzähle Geschichten. Und natürlich sehe ich in vielen Dingen ein Motiv oder einen Gedanken, aus dem sich ein Text, eine Story oder ein Reel entwickeln könnte. Aber hey. Nicht jeder Sonnenuntergang muss veröffentlicht werden. Und nicht jeder Spaziergang braucht ein Ziel, eine Kilometerzahl oder irgendeinen verdammten Mehrwert.
Es darf auch einfach ein Spaziergang sein. Du gehst los. Läufst ein bisschen durch die Gegend. Bleibst irgendwo stehen. Guckst dir was an. Drehst wieder um und gehst nach Hause. Fertig. Niemand applaudiert. Du bekommst keine Likes und deine Persönlichkeit hat sich mit Sicherheit auch nicht grundlegend verändert. Aber vielleicht hast du eine Stunde draußen verbracht, frische Luft geatmet und für einen Moment nicht darüber nachgedacht, was morgen alles erledigt werden muss.
Ist doch geil.
DIE GUTEN GESPRÄCHE STEHEN SELTEN IM KALENDER.
Wenn ich darüber nachdenke, welche Augenblicke im Leben wirklich etwas mit mir gemacht haben, dann sind darunter erstaunlich viele, die überhaupt nicht geplant waren. Ich glaub gerade, dass sich solche Momente auch nicht wirklich organisieren lassen. Du kannst sie nicht bestellen. Sie passieren. Meistens dann, wenn Menschen Zeit miteinander verbringen. Weil dann jemand zuhört. Und für einen Moment nichts wichtiger ist als das, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht. Manchmal ist das Beste an einem ganzen Tag eben kein außergewöhnliches Erlebnis, sondern ein gewöhnliches Gespräch mit einem außergewöhnlich wichtigen Menschen. Vielleicht erinnern wir uns Jahre später nicht mehr daran, worüber wir gesprochen haben. Aber daran, wie es sich angefühlt hat. Und jedes Mal, wenn ich z.B. an der kleinen Currywurstbude, mitten im Bremer Hauptbahnhof entlang komme, habe ich wieder ein großartiges Gefühl. Weil genau da, an diesem unscheinbaren Ort, ein solcher Augenblick für mich stattgefunden hat.
EIN TAG MUSS SICH NICHT LOHNEN.
Das ist vermutlich der Gedanke, an den ich mich auch selbst immer wieder erinnern muss. Nicht jeder Tag muss sich lohnen. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass am Ende irgendein vorzeigbares Ergebnis stehen muss. Echt jetzt. Du darfst einen freien Nachmittag haben und nichts damit anfangen. Du darfst auf dem Sofa liegen, Musik hören und dabei sonst nichts machen. Oder du liest morgens im Bett ein Buch und schläfst nach zwanzig Seiten einfach wieder ein. Es ist auch voll okay, sich mit jemanden zu treffen, ohne vorher zu überlegen, was ihr eigentlich unternehmen wollt. Und du darfst abends ins Bett gehen, ohne eine einzige Sache von irgendeiner großen Liste abgehakt zu haben. Das bedeutet nicht, dass du dein Leben verschwendet hast. Es bedeutet nur, dass ein Tag vergangen ist. Ein Tag, an dem du gelebt hast.
Ich finde es gerade ziemlich bekloppt, dass wir uns einerseits ständig wünschen, das Leben möge weniger stressig sein, und andererseits nervös werden, sobald tatsächlich einmal nichts passiert. Immer öfter glaube ich, wir sehnen uns nach Ruhe. Und wenn wir sie bekommen, suchen wir nach einer Beschäftigung. Als könnten wir die Stille nicht ertragen, ohne sie wenigstens sinnvoll zu nutzen.
VIELLEICHT IST DAS SCHON DAS GANZE GEHEIMNIS.
Ich glaube nicht, dass wir glücklicher werden, indem wir möglichst viele außergewöhnliche Momente sammeln. Zumindest nicht automatisch. Wahrscheinlich kannst du die halbe Welt bereisen und trotzdem an allem vorbeilaufen, was dir wirklich was bedeutet. Und du kannst einen gewöhnlichen Mittwoch in einer gewöhnlichen Stadt mit deinem Lieblingsmenschen verbringen und abends denken, dass das wirklich ein ziemlich geiler Tag war. Nicht, weil was Besonderes passiert ist. Sondern weil du es bemerkt hast. Vielleicht war es das Licht am Nachmittag, der Geruch von frischem Brot, ein Lied, das zufällig im richtigen Moment lief oder die Nachricht eines Menschen, von dem du gerne hörst. Wahrscheinlich wird nichts davon dein Leben großartig verändern.
Muss es auch nicht.
Es geht nicht darum, aus jeder Kleinigkeit eine große Lebensweisheit herauszupressen. Auch das wäre schließlich nur die nächste Form der Selbstoptimierung. Es geht darum, sich diese kleinen Dinge nicht ständig von der Vorstellung verderben zu lassen, man müsste eigentlich gerade etwas Größeres erleben. Nicht jeder schöne Moment muss, keine Ahnung, bedeutsam sein. Manche dürfen einfach schön sein.
NICHT IRGENDWANN. ABER AUCH NICHT STÄNDIG.
Ich habe NICHT IRGENDWANN ins Leben gerufen, weil ich irgendwann verstanden habe, wie leicht man seine Wünsche und Vorhaben auf später verschiebt. Auf bessere Zeiten, mehr Geld, weniger Arbeit. Auf diesen einen Tag, an dem endlich alles passt. Ich glaube auch weiter daran, dass wir nicht ewig warten sollten, wenn uns etwas wirklich wichtig ist. Aber ich denke auch, dass wir nicht aus jedem verdammten Dienstag ein Abenteuer machen müssen. Das Leben besteht aus den großen Entscheidungen, den verrückten Ideen, den Reisen, den ersten Schritten und den Dingen, die wir uns irgendwann endlich trauen. Aber eben auch aus Wäschewaschen, Kaffee, grauem Himmel. Aus Nachmittagen, an denen nichts passiert, worüber man unbedingt schreiben müsste. Und aus Menschen, mit denen man genau solche Nachmittage verbringen möchte.
Vielleicht sollten wir aufhören, diese gewöhnlichen Stunden als Lücken zwischen den eigentlichen Höhepunkten unseres Lebens zu betrachten. Denn sie sind keine Lücken. Sie sind unser Leben. Und wenn du heute Abend im Bett liegst und dich fragst, was du eigentlich den ganzen Tag gemacht hast, dann darf die Antwort ruhig einmal lauten:
Nicht viel. War trotzdem schön.

