Es ist der 4. November. 2026. Draußen wird es inzwischen um fünf dunkel. Die Supermärkte sind seit Wochen voller Lebkuchen, irgendwo werden bestimmt schon die ersten Weihnachtsmärkte aufgebaut und spätestens in drei Wochen erzählt uns irgendein selbst ernannter Motivationsexperte auf Instagram, dass wir jetzt noch einmal alles geben müssen, um unsere Jahresziele zu erreichen. Jahresendspurt. Mindset. Vollgas. Skalieren. Noch mal richtig durchziehen. Meine Fresse.
Dabei könnte man den ganzen Bums auch einfach mal anders betrachten. Wir haben noch 57 Tage bis Silvester. 57 Tage, an denen irgendwas passieren kann. Ein richtig guter Abend. Eine völlig bescheuerte Idee. Eine Begegnung, mit der niemand gerechnet hat. Vielleicht sogar eine Entscheidung, die schon seit Monaten irgendwo im Hinterkopf herumliegt. Und nein. Dafür musst du weder nach Bali fliegen noch einen Marathon laufen oder dein bisheriges Leben komplett auf links drehen. Manchmal reicht, keine Ahnung, eine Fahrkarte. Manchmal ein Anruf. Und manchmal ein bisschen Mut, um etwas zu machen, das man schon ziemlich lange vor sich herschiebt.
Ich selbst bin in den kommenden Wochen noch ordentlich beschäftigt und muss meine eigenen Sachen auf die Kette kriegen. Aber für dich habe deshalb jetzt mal zehn Dinge gesammelt, die du dieses Jahr noch machen könntest. Nee. Keine Selbstoptimierung. Keine bekloppte Challenge. Einfach zehn Ideen, aus den verbleibenden Wochen noch ein bisschen mehr herauszuholen.
01. FAHR EINFACH MAL IRGENDWOHIN.
Such dir einen Ort aus, an dem du noch nie warst. Einen, den du vielleicht schon hundertmal auf einem Autobahnschild gelesen hast, ohne jemals dort gewesen zu sein. Steig in einen Zug. Oder ins Auto. Fahr hin. Auf einem Freitag. Einem Samstag. Einem Dienstag oder wegen meiner an einem Sonntag. Vollkommen egal. Und nicht, weil da irgendeine weltberühmte Sehenswürdigkeit wartet. Nicht, weil du unbedingt etwas erleben musst, das hinterher auf Instagram geil aussieht. Sondern einfach, weil du wissen willst, wie es dort aussieht. Vielleicht gibt es einen schönen Marktplatz. Vielleicht einen ziemlich geilen Kaffee. Vielleicht ist der ganze Ort nach zwanzig Minuten abgefrühstückt und du fandest ihn in deiner Vorstellung geiler. Na und? Dann warst du eben da. Hast etwas gesehen, das du vorher nicht kanntest. Und bist abends mit einer kleinen Geschichte mehr nach Hause gekommen.
Das ist immer noch besser, als den gesamten Sonntag auf dem Sofa zu verbringen und sich durch die Wochenenden anderer Menschen zu scrollen.
02. RUF JEMANDEN AN, DEN DU SCHON LANGE NICHT MEHR GESPROCHEN HAST.
Wir kennen das doch alle. Glaub ich. Man müsste sich mal wieder melden. Mal fragen, wie es dem anderen geht. Vielleicht einen Kaffee trinken. Ein Glas Wein. Ein Fass Bier. Ein bisschen quatschen. Aber gerade ist natürlich so viel los. Arbeit. Familie. Theaterverein. Nächste Woche vielleicht. Oder nächsten Monat. Und plötzlich werden aus ein paar Wochen mehrere Jahre. Oder der andere stirbt unerwartet. Das kann auch passieren. Echt jetzt. Erfahrungswerte.
Such dir einen Menschen aus, an den du in letzter Zeit häufiger gedacht hast. Einen alten Freund. Eine frühere Kollegin. Jemanden, mit dem du früher stundenlang sabbeln konntest. Und dann ruf an.
Nicht schreiben, dass ihr euch unbedingt mal wieder treffen müsst. Das habt ihr vermutlich schon oft genug getan. Ruf einfach an.
Vielleicht geht diese Person ran. Vielleicht passt es gerade nicht. Vielleicht wird es aber auch ein Gespräch, das viel zu lange überfällig war.
Wir tun manchmal so, als hätten wir für solche Dinge unbegrenzt Zeit.
Spoiler: Haben wir nicht. Sorry.
03. GEH ALLEIN AUF EIN KONZERT.
Oder ins Kino. Ins Theater. Zu einer Lesung. Scheißegal. Irgendwohin, wo du eigentlich schon länger mal hinwolltest, aber bisher niemanden gefunden hast, der mitkommt.
Ich finde es ziemlich krass, wie viele Menschen auf Kram verzichten, die sie eigentlich gerne machen würden, nur weil gerade niemand Bock hat, mitzukommen. Als bräuchte man für einen guten Abend grundsätzlich einen zweiten Menschen. Nope. Brauchst du nicht. Kauf dir ne Karte. Geh hin. Trink etwas. Hör zu. Schau dir die Leute an. Vielleicht kommst du mit jemandem ins Gespräch. Vielleicht auch nicht. Und vielleicht stellst du fest, dass es verdammt geil sein kann, niemanden fragen zu müssen, wann ihr nach Hause wollt. Oder einfach selbst zu entscheiden, so lange zu bleiben, wie du willst.
04. MACH ETWAS, IN DEM DU VERMUTLICH RICHTIG SCHLECHT BIST.
Ein Tanzkurs. Karaoke. Töpfern. Schlittschuhlaufen. Irgendein Workshop, bei dem du nicht einmal weißt, welches Ende des Werkzeugs du festhalten musst. Scheißegal. Hauptsache, du hast es noch nie gemacht und findest die Vorstellung irgendwie schon cool.
Ich glaub manchmal, wie ach so Erwachsenen haben nämlich eine ziemlich bescheuerte Angewohnheit entwickelt. Wir machen am liebsten Kram, den wir bereits können. Bloß nicht unbeholfen aussehen. Bloß keine Fehler machen. Bloß nicht vor anderen Menschen auf die Fresse fallen. Dabei ist es manchmal ausgesprochen lustig, etwas überhaupt nicht zu beherrschen. Du musst hinterher ja nicht gut darin sein. Du musst es nicht zu einem neuen Hobby machen. Und du brauchst ganz bestimmt kein Talent.
Vielleicht reicht es völlig, eine Stunde lang herzlich über dich selbst zu lachen.
05. SCHREIB EINEN BRIEF. EINEN ECHTEN.
Mit Papier. Stift. Briefumschlag. Briefmarke. Ja, das gibt es alles noch. Und mach das nicht erst zu Weihnachten, wo jeder Dödel einen Brief oder ne Karte schreibt. Schreib einem Menschen, was du an ihm magst. Wofür du dankbar bist. Oder warum du dich freust, dass es ihn in deinem Leben gibt.
Du kannst auch eine Entschuldigung schreiben. Oder eine Erinnerung aufschreiben, die dir bis heute etwas bedeutet. Es muss ja kein literarisches Meisterwerk werden. Drei ehrliche Absätze sind wahrscheinlich wertvoller als zwanzig perfekt formulierte Sätze, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man eigentlich sagen wollte. Und dann steckst du den Brief in einen Umschlag und bringst ihn zur Prost. Oder zu einem Briefkasten.
Und ein paar Tage später sitzt ein Mensch an seinem Küchentisch, öffnet seine Post und findet zwischen Rechnungen und Werbung etwas, mit dem er überhaupt nicht gerechnet hat. Das, was du geschrieben hast. Ich finde, das hat was.
06. STEH EINMAL VIEL ZU FRÜH AUF.
Nicht, weil du zur Arbeit musst. Nicht, um besonders produktiv zu sein. Und auch nicht, weil irgendein amerikanischer Unternehmer behauptet, erfolgreiche Menschen würden grundsätzlich um vier Uhr morgens aufstehen. Oder um fünf. Sondern einfach, um einen Morgen zu erleben, den du sonst verschläfst. Zieh dich warm an. Koch dir einen Kaffee. Inne Thermokanne. Geh raus. Vielleicht an einen See. Auf eine Brücke. An den Rand eines Feldes. Oder einfach auf eine Bank irgendwo in deiner Stadt.
Guck zu, wie es langsam hell wird. Im November kann das natürlich ziemlich ungemütlich sein. Kalte Finger. Nasse Schuhe. Wind, der dir durch die Jacke zieht. Vielleicht gibt es nicht einmal einen schönen Sonnenaufgang, sondern nur eine graue Wolkendecke. Aber genau das ist ja der Punkt.
Du musst nicht jeden Moment schön finden, damit er sich lohnt. Manchmal reicht es schon, einfach da zu sein. Ey, und noch was. So eine frostige Nacht um drei in absoluter Dunkelheit ist ziemlich geil. Arschkalt, aber schön.
07. SAG EINMAL NEIN, OBWOHL DU NORMALERWEISE JA SAGEN WÜRDEST.
Das klingt zunächst nicht nach einem besonders aufregenden Erlebnis. Ist es aber möglicherweise. Sag Nein zu einer Verabredung, auf die du überhaupt keinen Bock hast. Zu einer Verpflichtung, die du nur aus schlechtem Gewissen übernimmst. Oder zu irgendeiner Erwartung, die andere Menschen an dich stellen, obwohl sie eigentlich gar nicht dein Problem ist. Und dann mach mit der gewonnenen Zeit etwas, worauf du wirklich Lust hast. Oder mach überhaupt nichts. Das ist übrigens auch erlaubt.
Wir verschwenden teilweise erstaunlich viel Lebenszeit damit, dafür zu sorgen, dass andere Menschen möglichst zufrieden mit uns sind. Und merken dabei kaum, dass wir selbst ständig zu kurz kommen.
Natürlich kann man nicht zu allem Nein sagen. Wir leben schließlich nicht allein auf diesem Planeten. Aber vielleicht gibt es ja eine Sache, bei der du es schon längst hättest tun sollen.
08. VERBRING EINE NACHT WOANDERS.
Du musst dafür kein Vermögen ausgeben. Vielleicht gibt es irgendwo eine günstige Pension. Eine kleine Ferienwohnung. Eine Jugendherberge. Oder jemanden, den du schon ewig besuchen wolltest.
Eine Nacht reicht.
Pack eine Tasche, fahr los und schlaf irgendwo, wo du morgens nicht automatisch weißt, welchen Lichtschalter du zuerst drücken musst. Geh abends noch eine Runde spazieren. Iss irgendwo was Geiles. Guck dir die Gegend an. Vielleicht ist das Bett unbequem. Vielleicht schnarcht jemand im Nachbarzimmer. Vielleicht fragst du dich zwischendurch, was du da eigentlich machst.
Aber am nächsten Morgen wachst du an einem anderen Ort auf. Für einen Augenblick ist alles ein bisschen anders als sonst. Und manchmal ist genau das ziemlich gut.
09. MACH JEMANDEM EINEN RICHTIG GUTEN TAG.
Es muss nichts kosten. Besuch jemanden, der viel allein ist. Hilf einem Freund bei was, dass er schon ewig vor sich herschiebt. Lade einen Menschen zum Frühstück ein. Oder nimm dir einen Nachmittag Zeit für jemanden, der gerade nicht besonders viel davon abbekommt. Nicht als gute Tat oder für dein Gewissen. Und bitte auch nicht mit der Kamera draufhalten, um anschließend der halben Welt zu zeigen, was für ein unfassbar toller Mensch du bist.
Mach es einfach.
Vielleicht bleibt von diesem Jahr bei jemand anderem genau dieser Nachmittag in Erinnerung. Der Kaffee. Das Gespräch. Das Lachen. Keine Ahnung.
10. MACH ENDLICH DEN ERSTEN SCHRITT.
Du hast bestimmt irgendeine Idee.
Etwas, das du schon länger machen möchtest. Vielleicht eine Reise. Eine Veränderung. Ein Vorhaben, das dir ein bisschen zu groß vorkommt.
Und wahrscheinlich gibt es mindestens fünf gute Gründe, warum gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist. Zu teuer. Zu kompliziert. Zu wenig Zeit. Zu viel anderes Zeug im Kopf. Kann alles stimmen.
Aber vielleicht kannst du trotzdem schon was machen. Du musst dieses Jahr ja nicht mehr nach Island fliegen. Du könntest aber anfangen, die Reise zu planen. Du musst auch nicht sofort dein gesamtes Leben verändern. Vielleicht reicht es ja, heute einfach eine Entscheidung zu treffen, vor der du dich seit Monaten drückst.
So ein erster Schritt muss nicht groß sein. Er muss nur tatsächlich stattfinden. Und zwar nicht nur in deinem Kopf.
UND WENN DU NICHTS DAVON MACHST?
Dann ist das auch kein Weltuntergang. Vielleicht war dieses Jahr anstrengend. Versteht ich voll. Meins war auch kacke. Vielleicht hast du genug erlebt und hast einfach nur Bock auf Nichts. Vielleicht bist du einfach froh, wenn die nächsten Wochen einigermaßen ruhig verlaufen.
Du musst aus den verbleibenden 57 Tagen keine verdammte Erfolgsgeschichte machen. Es geht mir auch gar nicht darum, möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu stopfen.
Aber ich glaube, dass wir manchmal unterschätzen, wie viel in ein paar Wochen passieren kann. Wir warten auf den richtigen Zeitpunkt. Auf besseres Wetter. Auf mehr Geld. Auf jemanden, der mitkommt. Auf einen freien Tag, den uns dann doch wieder keiner schenkt. Und während wir warten, werden aus den Ideen nur wieder Erinnerungen an Dinge, die wir nie gemacht haben.
Vielleicht suchst du dir deshalb einfach eine einzige Sache aus dieser Liste heraus. Nicht alle zehn. Eine. Und dann machst du die.
Es ist der 4. November. Dieses Jahr ist noch nicht vorbei.
